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„Es bedarf mehr Mut zu radikalem Umdenken“

Viktor Weber, Gründer des Future Real Estate Institute mit Sitz in Regensburg, stellt der Immobilienbranche hinsichtlich der Digitalisierung ein schlechtes Zeugnis aus.

Viktor Weber, Gründer des Future Real Estate Institute, im Interview
Von Interview: Ivette Wagner, 19.06.2018

IMMOBILIEN AKTUELL (IA): Die Marktforscher von Gartner rechnen damit, dass sich die Zahl von vernetzten Geräten allein nur im Smart-Home-Bereich von 339 Millionen im Jahr 2016 auf 2,7 Milliarden im Jahr 2020 verachtfachen wird. Muss uns das Angst machen?

Viktor Weber
Foto: www.fre-institute.com

Viktor Weber (VW): In der Sicherheitscommunity betrachtet man diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Bruce Schneier, einer der führenden Köpfe im Bereich IT-Security, sieht in dieser Entwicklung eher einen Katalysator für mächtigere Botnets, die beispielsweise für großflächige DDoSAttacken (Distributed Denial of Service) und andere maligne Aktivitäten genutzt werden können. Auch ist Informationssicherheit ein großes Thema. Grund hierfür ist die Tatsache, dass die meisten als smart vermarkteten Geräte nicht auf modernen Hardwarekomponenten aufgebaut sind, sodass aktuelle Sicherheitssoftware oftmals nicht kompatibel ist. Da jedoch ein System nur so sicher ist wie sein schwächstes Glied, stellt dies ein Problem dar. Dazu kommt, dass viele Nutzer und Hersteller unbedarft sind. So gibt es beispielsweise Schließsysteme per App, die sich der 2-Faktor-Authentifizierung per SMS als zusätzlicher Eintrittsbarriere bedienen, wobei diese längst als Schwachstelle bekannt ist. Hier muss mit mehr Sorgfalt gearbeitet werden, auf Hardware- und auf Softwareebene. Die Programmierung solcher smarten Geräte sollte sich zum Beispiel der formalen Verifikation bedienen, also dem Beweisen, dass der Code nur genau das ausführt, was er ausführen soll.

IA: Nach den negativen Fakten verraten Sie sicherlich auch die Vorteile.

VW: Es gibt unzählige positive Aspekte der urbanen Vernetzung. So wird diese das autonome Fahren begünstigen, da sie die Kommunikation zwischen Infrastruktur und Fahrzeugen ermöglicht. Services können für Menschen mit sensorischem Handicap auf eine vernetzte Infrastruktur aufbauen, was der Inklusion dienen kann. Dies lässt sich auf den Smart-Home-Bereich übertragen. In Zukunft sichert beispielsweise ein medizinisches Monitoring ältere Bewohner über die Ferne ab, sodass das Altwerden in den eigenen vier Wänden möglich ist.

IA: Wie sinnvoll ist allgemein Monitoring?

VW: Durch die Fülle an Daten werden wir, vor allem Konzerne, Behörden und die Wissenschaft, das menschliche Zusammenleben und unsere persönlichen Präferenzen besser verstehen können. Dies kann sowohl positiv als auch negativ sein. Man sollte also die Vernetzung der Welt weder verteufeln noch unreflektiert bejubeln, da es auf die Umsetzung ankommt.

IA: Neben Smart Home gibt es ja eine Menge anderer Dinge: Sensorik, Big Data, virtuelle Realität, Robotik, Blockchain lauten die Schlagworte. Täuscht der Eindruck oder hat die Immobilienbranche tatsächlich Nachholbedarf in diesen Bereichen?

VW: Absolut. Die Immobilienbranche ist die am wenigsten digitalisierte Branche relativ zu ihrer Wertschöpfung. Den Akteuren fehlt zum einen das notwendige Wissen sowie die Motivation sich tatsächlich in Zeiten der Niedrigzinspolitik mit zukunftsrelevanten Themen auf dem Niveau zu beschäftigen, wie sie es eigentlich müssten. Konzerne sind oft langsam und tragen das Wort Digitalisierung nur als Marketinginstrument vor sich her, wie es vor wenigen Jahren bei der Nachhaltigkeit war. Es reicht nicht, dass man sich nur auf ein paar wenige Insellösungen konzentriert, sondern man muss einen holistischen Ansatz wählen, wenn man sich transformieren will. Hierzu müssen Unternehmen jedweder Größe zuerst analysieren, wie gut sie digitalisiert sind, wie es um die IT-Infrastruktur und das Wissen aller Mitarbeiter bestellt ist. Man darf nicht nur von oben herab agieren, sondern muss von Anfang an alle Beteiligten einbinden und Fortbildungsangebote konzipieren. Die digitale Transformation ist kein begrenztes Projekt, sondern ein niemals endender Prozess, der Quelle für innovative Geschäftsmodelle, zufriedene Angestellte und Effizienzsteigerungen sein kann.

IA: In dem Report „Digitale Transformation und Innovation in der deutschen Immobilienbranche“, den Sie gemeinsam mit CBRE erstellt haben, liefern Sie eine nicht gerade zimperliche Einschätzung. Können Sie bitte kurz die Ergebnisse zusammenfassen?

VW: 60 Seiten wissenschaftliche Arbeit auf ein paar Sätze zu kondensieren, fällt mir dann doch etwas schwer, da ich mich schon bei der Ausarbeitung der Studie immer wieder einbremsen musste. Die Einschätzung, dass über 70 Prozent der Unternehmen, die sich momentan mit der digitalen Transformation beschäftigen, scheitern, wenn sie weitermachen wie bisher, ist zwar nicht zimperlich, aber realistisch. Es bedarf mehr Mut zu radikalem Umdenken und zu neuen Ideen. Digitalisierung ist kein Nebenprojekt, sondern die Grundlage für eine erfolgreiche Zukunft. Sie muss also eine der Hauptaufgaben im Tagesgeschäft werden. Dazu muss jedes Unternehmen seine Schwachstellen und Stärken kennen, digitale Kompetenz ausbilden, adäquate Geschäftsmodelle entwickeln, agiler und schlanker werden, Wissensmanagement institutionalisieren, eine offene Unternehmenskultur fördern und vieles mehr.

IA: Welches Ergebnis war für Sie am überraschendsten?

VW: Dass es viele gute Ideen gibt, die einfach nicht in die Umsetzung gehen. Die Unternehmen sind sich oft selbst im Weg und trauen sich zu wenig.

IA: Ist die Zukunft in Gefahr? Schließlich müssten eigentlich alle Firmen jetzt gleich mit der Digitalisierung beginnen, bevor sie abgehängt werden.

VW: Da sich die Branche recht langsam digitalisiert, fällt es momentan leicht, mit wenig Mühe digital zu wirken. Für ein paar Unternehmen ist dies eine Chance und ein gutes Marketinginstrument. Je länger man wartet, desto schwieriger wird der spätere Sprung in die eigene Zukunft, die für andere Konkurrenten dann schon Gegenwart ist.

IA: Die Branche erlebt einen Boom, die Auftragsbücher sind voll. Es gibt also keinen zwingenden Grund für großartige Änderungen und finanzielle Investitionen. Was entgegnen Sie auf dieses Argument?

VW: Antizyklisches Investieren macht Sinn, und man sollte aus den Fehlern anderer Unternehmen und anderer Branche lernen. Wer nicht mit der Zeit geht, verliert einfach langfristig.

IA: Ein anderer Einwand: Ich finde kein passendes Personal.

VW: Das stimmt bedingt. Einschlägige Hochschulen und Universitäten für Immobilienökonomen bieten derzeit keine relevanten Veranstaltungen, die diese Lücke schließen können. Im Bauingenieurwesen ist die Situation deutlich besser, da es dort Fächer wie Bauinformatik oder Schnittstellen zur Robotik gibt. In der Wirtschaftsinformatik finden sich junge, digitale Talente, aber eben ohne relevantes Immobilienfachwissen. Daran sieht man, dass gerade Schnittstellenwissen fehlt. Daher müssen die Unternehmen selbst Fortbildungskonzepte ausarbeiten oder sich vorhandenen Angeboten bedienen, um ihre Mitarbeiterschaft für die nahe Zukunft fit zu machen. Das Investment in Bildung wird langfristig einen herausragenden Return on Investment bringen.

IA: Jeden Tag gründen sich neue PropTechs mit oft sehr unterschiedlichen Ausrichtungen. Können sie etablierte Unternehmen ernsthaft gefährden?

VW: Wer Liegenschaften hat und diese projektiert, veräußert oder hält, ist besser geschützt als die meisten Dienstleister. Jedoch ist es grundsätzlich so, dass in einem globalen und digitalen Markt schnell neue Akteure erfolgreich werden können. Für viele Unternehmen kann dies eine Bedrohung darstellen. Kooperationen mit Startups bieten Chancen, wenn man entsprechende Schnittstellen findet und in der Lage ist, sich gegenseitig zu verstehen. Man muss realistisch sagen, dass wahrscheinlich 80 Prozent der Startups wieder von der Bildoberfläche verschwinden. Der Hype um das Wort „Proptech“ ist daher wenig produktiv. Die Immobilienbranche bietet unendlich viel Potenzial für neue Geschäftsmodelle, nutzerzentriertere Dienstleistungen und effizientere Geschäftsprozesse, weshalb ich denke, dass der Markt genug Spielraum für Startups und etablierte Unternehmen bietet.

IA: Wie sinnvoll sind für „alte“ Firmen Kooperationen mit den Digitalisierungsprofis?

VW: Austausch und Synergien sind immer sinnvoll, man kann schließlich überall etwas dazulernen. Da Digitalisierung nicht linear ist, sondern ein komplexes System, beeinflusst von verschiedensten Faktoren, gibt es keinen Masterplan, der sich auf alle Unternehmen übertragen lässt. Strategien müssen individuell ausgearbeitet werden und da gibt es keine oder nur sehr wenige gute Beispiele an denen man sich orientieren könnte.

IA: Wie viel Zeit geben Sie den alteingesessenen Firmen für eine richtige Digitalisierung?

VW: Je früher man anfängt Erfahrung zu sammeln und Wissen aufzubauen, desto besser.

 

Bild oben: pixabay.com / geralt

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