Nachrichten | Macher & Märkte

„Machen, statt nur darüber zu reden“

Die Mierendorff-Insel mit ihren rund 15.000 Einwohnern ist die Gegend zwischen Spree, Westhafen- und Charlottenburger Verbindungskanal: mit Gründerzeitquartieren, Industrie und Gewerbe, aber auch öffentlichen Einrichtungen, Kleingärten und Grünflächen auf engem Raum, eine kleine Stadt in der großen. Ideale Voraussetzungen für ein Reallabor, um die städtische Energiewende umzusetzen. Frank Mattat, Geschäftsführer der GASAG Solution Plus, will die Mierendorff-Insel klimaneutral machen.

Auf der Mierendorff-Insel entwickelt GASAG Solution Plus die städtische Energiewende
Von Ivette Wagner, 03.10.2018

Immobilien Aktuell (IA): Gemeinsam mit dem Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf wollen Sie die sogenannte Mierendorff-Insel in den nächsten zehn Jahren zum klimaneutralen Modellquartier entwickeln. Was reizt Sie daran ganz persönlich?

Frank Mattat (FM): Statt auf rein theoretische Gutachten und Planungen konzentrieren wir uns bei dem Projekt auf eine realistische Umsetzungsstrategie, das macht es besonders spannend. Wir verfolgen hier einen ganz anderen Ansatz: Wir wollen gemeinsam mit den Akteuren auf der Insel in die operative Umsetzung kommen, im Bestand genauso wie bei den sich noch entwickelnden Neubauten. Sicherlich wird das nicht alles von heute auf morgen funktionieren, aber es bedeutet jetzt schon einen großen Schritt in die Richtung zur klimaneutralen Stadt und das eben auch im Bestand und nicht nur im Neubau.

IA: Die Konstellation, dass ein Bezirksamt und ein Energieversorger zusammenarbeiten, ist eher ungewöhnlich.

FM: Aktuell ja und eigentlich doch nicht. Die Herausforderung Energiewende ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die neue Modelle der Zusammenarbeit braucht. Ich glaube sogar, wir brauchen viel mehr von solchen bisher noch seltenen Kooperationen, um die CO2-Zwischenziele zu erreichen.

IA: Was macht neben der Konstellation der Akteure das Projekt so besonders?

FM: Bisherige Klimaschutz-Projekte waren oftmals Neubauvorhaben, sicher auch mal Quartiere. Aber mit der Mierendorff- Insel nehmen wir uns jetzt erstmals eine Art „kleine Stadt“ vor. Wenn man die Stadt zur Klimaneutralität bringen will, dann braucht es die Klimaneutralität eines jeden Neubaus, der jetzt entsteht. Noch viel wichtiger aber ist, in den Bestand zu gehen, also in rund eine Million Wohnungen in Berlin, um dort den Energieverbrauch zu reduzieren. Dafür gibt es bisher keine Modelle. Wenn uns das auf der Mierendorff-Insel gelingt, dann hat das Modellwirkung von bundesweiter Bedeutung.

IA: Warum wurde gerade dieser Kiez ausgesucht?

FM: Der Mierendorff-Kiez ist wirklich eine Insel, durch Wasserstraßen drumherum deutlich abgegrenzt und damit gut zu identifizieren. Außerdem haben wir eine ideale Mischung von Wohnungen, öffentlichen Einrichtungen, Gewerbe, Industrie wie auch von neuen und alten Gebäuden. Zudem steht in dem Kiez in den kommenden Jahren eine Vielzahl neuer Wohnprojekte an. Wir gehen von etwa 3.500 bis 4.000 zusätzlichen Wohnungen aus.

IA: Ist diese bunte Mischung – nicht nur in Hinblick auf die Eigentümerstruktur, sondern auch auf die Nutzung – eine Chance oder in erster Linie eine Herausforderung?

FM: Beides. Und zwar im besten Sinn. Zunächst einmal ist das Projekt eine spannende Herausforderung, für die wir die passenden Lösungen haben werden. Durch die heterogene Struktur können wir Synergieeffekte bei der Energienutzung erzeugen, etwa durch die unterschiedlichen Nutzungszeiten. Im Gewerbe wird zu anderen Zeiten Energie benötigt als im Wohnbereich. Diese unterschiedlichen Nachfrageprofile lassen sich in einem Quartieransatz ganz anders betrachten, viel gleichmäßiger nivellieren.

In der Mischstruktur können wir Abwärme aus dem Gewerbekomplex für den benachbarten Wohnblock nutzen. Wir haben in der Gesamtbetrachtung eines Quartiers die Möglichkeit, zwischen den Gebäuden die CO2-Bilanzen auszugleichen. So kann ein Nullenergie-Neubau einen Beitrag für ein Gebäude leisten, was vielleicht unter Denkmalschutz steht und welches man unter energetischen Aspekten nur bis zu einem gewissen Level optimieren kann. Das schafft auch Spielräume für die Sozialverträglichkeit.

IA: Man merkt, die Gasag Solution Plus hat schon reichlich Erfahrung mit Quartierskonzepten. Lassen sich diese Erfahrungen dennoch auf dieses große Projekt übertragen?

FM: Absolut! Im Quartier kann und muss ich über das Gebäude hinaus denken, im Bestand genauso wie im Neubaubereich. Im Fokus stehen also intelligente Versorgungskonzepte. Damit erzielen wir in unseren Projekten enorme Effizienzgewinne. Diese Erfahrungen werden wir für die Mierendorff-Insel nutzen. Zusätzlich haben wir vor drei Jahren ein Pilotprojekt mit dem Bezirk Lichtenberg gestartet. Dort sammelten wir erste Erfahrungen mit dem Zusammenwirken verschiedenster Eigentümer. Deshalb glauben wir, bestens aufgestellt zu sein.

IA: Wird die Mierendorff-Insel auch technologisch ein Pilotprojekt werden?

FM: Wichtiger als Technologie ist Intelligenz. Es bedarf gar nicht unbedingt technologischer Neuentwicklungen, um klimaneutral zu werden. Wir haben dies bereits in anderen Quartieren gezeigt, die wir zur CO2-Neutralität entwickelt haben, wie den EUREF-Campus. Auch dort setzen wir primär auf Effizienzeffekte, Intelligenz und die sinnvolle Kombination technischer Komponenten. Wir müssen also gar nicht unbedingt auf die neusten, gegebenenfalls teureren Technologien zurückgreifen, sondern setzen, um unser Ziel – eine nachhaltige, aber auch bezahlbare Energieversorgung – sicherzustellen, bewährte, gut eingeführte, solide und verlässliche Technologien intelligent ein.

IA: Das Projekt ist jetzt gestartet und soll über zehn Jahre laufen. Wann geht es in die ersten Umsetzungen?

FM: Momenten sind wir in einer Vorbereitungsphase. Das bedeutet, die nächsten ein bis zwei Jahre werden wir vor allem Grundlagen ermitteln und Informationen zusammenstellen. Aber es wird keine trennscharfen Projektphasen geben. Wir beginnen bereits mit der Ansprache von Akteuren auf der Insel. Daneben haben wir natürlich einen langfristigen Fahrplan. Aufgrund der Zusammenarbeit mit dem Bezirk erhalten wir sehr viel früher Informationen, wenn Veränderungen oder Baumaßnahmen anstehen. Das gibt uns die Möglichkeit mit dem jeweiligen Eigentümer frühzeitig nach intelligenten Konzepten zu suchen. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass die Umsetzung einzelner Maßnahmen schon in den nächsten Wochen stattfindet. Wir nehmen eine Aufgabe dann an, wenn sie ansteht.

 

Foto: GASAG

Zurück