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Bewegung im Osten

Große Deals, mehr Neubau, steigende Mieten: Der Boom am Logistikmarkt erfasst auch den mitteldeutschen Raum – und treibt besonders eine Region in ungeahnte Höhen.

Große Deals, mehr Neubau, steigende Mieten: Der Boom am Logistikmarkt erfasst auch den mitteldeutschen Raum
Von Matthias Klöppel, 15.04.2019

Vor den Toren Magdeburgs befindet sich eines der größten Industrie- und Gewerbegebiete von Sachsen-Anhalt. Die Bruttofläche: 600 Hektar – das entspricht rund 800 Fußballfeldern. Einen beachtlichen Teil davon hat der US-amerikanische Versandgigant Amazon in Beschlag genommen. Marktkreisen zufolge will das Unternehmen im Gewerbepark Sülzetal in Osterweddingen Hallen mit zunächst 120.000 Quadratmetern errichten, davon 100.000 Quadratmeter für Logistik. Kein Projekt war im vierten Quartal 2018 größer auf dem deutschen Logistikimmobilienmarkt.

Dem Vernehmen nach setzt der Online- Primus alles in Eigenregie um. Bis zu 2.200 neue Jobs sollen entstehen. Ende 2018 begannen die Arbeiten auf dem etwa 45 Hektar großen Areal. Weitere Bauabschnitte könnten folgen. „Die geplante Ansiedlung ist eine herausragende Investition mit sicheren Arbeitsplätzen“, ließ sich Ulrich Thomas zitieren, der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU im Landtag. Amazon hat sich bislang nicht offiziell zum Vorhaben geäußert.

Neubau in Randlage

Auf jeden Fall spiegelt das Großprojekt jenen Trend wider, der den Logistikboom im vergangenen Jahr in Deutschland wesentlich befeuert hat. Laut CBRE stieg der Flächenumsatz an Standorten außerhalb der begehrtesten Logistikcluster um eine Million auf 2,4 Millionen Quadratmeter. Aufgrund fehlender Angebote in zentraler Lage weichen Investoren zunehmend auf periphere Standorte aus. „Dort entstehen vor allem großflächige Neubauentwicklungen, sogenannte Big Boxes“, erläutert Rainer Koepke, Head of Industrial & Logistics bei CBRE. Ein weiteres Beispiel aus Mitteldeutschland ist die circa 22.500 Quadratmeter große Anlage, welche die GIEAG Immobilien AG in Erfurt-Stotternheim im Norden der thüringischen Landeshauptstadt entwickelt. Im vergangenen Herbst wurde der erste Spatenstich gesetzt, mit einer Fertigstellung ist für das dritte Quartal 2019 zu rechnen.

Deutschlandweit fiel das Logistikneubauvolumen so hoch aus wie nie zuvor. Die Berater von Logivest zählten im vergangenen Jahr rund 290 Baustarts für 4,4 Millionen Quadratmeter Fläche – ein Plus von fast 13 Prozent gegenüber 2017. Am meisten gebaut wurde im östlichen Ruhrgebiet, gefolgt von der Region Rhein-Main. Einer der größten Aufsteiger war Leipzig/Halle (Saale) mit einem Sprung um sieben Plätze auf Rang acht. Nicht nur deshalb dürfte so mancher Logistikmakler zwischen Pleiße und Saale in Ekstase verfallen.

Städteduo im Höhenflug

Der Markt in und um Leipzig legte 2018 das umsatzstärkste Jahr aller Zeiten hin. Mit 383.000 Quadratmeter gehandelter Hallen- und Lagerfläche hat die Messestadt ihre Vorjahresbilanz (110.000 Quadratmeter) um furiose 248 Prozent übertroffen, die bisherige Bestmarke aus dem Jahr 2011 (320.000 Quadratmeter) wurde um ein Fünftel nach oben geschraubt. Das ergab der jüngste Logistikmarkt-Report von BNP Paribas Real Estate.
Dem bundesweiten Beispiel folgend, trug die hohe Neubauaktivität maßgeblich zu dem starken Ergebnis bei. Neubauflächen partizipierten mit 310.000 Quadratmetern und anteilig 81 Prozent am Gesamtvolumen. Gleich sechs Deals fanden dabei in einer Größenordnung von mindestens 20.000 Quadratmetern statt. Zu den bedeutendsten gehörten die Vertragsabschlüsse des Onlinehändlers Home24 (70.000 Quadratmeter) und von Bobcat (43.000 Quadratmeter) in Halle sowie von BMW (50.000 Quadratmeter) in Leipzig.

„Es deuten alle Anzeichen darauf hin, dass sich die dynamische Marktentwicklung 2019 weiter fortsetzen wird“, sagt Christopher Raabe, Managing Director und Head of Industrial Services & Investment bei BNP, über die zukünftigen Tendenzen in der Logistikregion Leipzig / Halle. Obschon sich das schmale Angebot als limitierender Faktor für den Flächenumsatz herauskristallisieren werde, stünden demnach die Chancen für ein weiteres überdurchschnittliches Resultat gut. „Sachsen ist mit dem Luftfrachtdrehkreuz Leipzig / Halle und seiner Logistikbranche an der europäischen Spitze angekommen“, so Martin Dulig, Sächsischer Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr.

Mieten ziehen an

Was die Mietpreisentwicklung anbelangt, ist der Markt in Mitteldeutschland ebenfalls in Bewegung. In Erfurt erhöhten sich die Angebotspreise durch diverse Abvermietungen von Bestandsimmobilien um mehr als zehn Prozent, heißt es im REALOGIS- Mietpreisspiegel für Logistikimmobilien. In Leipzig sind die Mietpreise für hochwertige Bestandsobjekte infolge der Verknappung um bis zu fünf Prozent gewachsen. Auch in Zwickau, Chemnitz und Dresden mangelt es an verfügbaren Bestandsflächen, sodass die gleichbleibend hohe Nachfrage künftig nur durch Neubau oder Revitalisierungen von ungenutzten Liegenschaften bedient werden kann.

Ebenso zeigt der Mietpreisspiegel: Unter allen 31 untersuchten Logistikregionen bietet Sachsen- Anhalt die günstigsten Mietpreise für Neubauten. So seien die Mieten in Halle im Neubaubereich nur marginal angestiegen, sagt Christian Beran, Geschäftsführer der REALOGIS Immobilien Deutschland GmbH. Unter anderem zeichne der anhaltend hohe Wettbewerb unter den Projektentwicklern dafür verantwortlich. Das Preisniveau im Neubau-Segment mache die Saale-Stadt neben Magdeburg besonders für den E-Commerce interessant, so Christian Beran weiter.

Den Beleg liefert Zalando: Der Online-Modehändler lässt im halleschen Gewerbegebiet Star Park ein 35.000 Quadratmeter großes Verteilzentrum mit bis zu 350 Arbeitsplätzen entstehen. Geplanter Betriebsstart ist der kommende Herbst.

 

Foto: © Shutterstock.com, Ufuk ZIVANA

 

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