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Die Linse beginnt zu blinzeln

Nach jahrelangem Stillstand soll das Gebiet zwischen dem S-Bahnhof Schöneberg und dem Bahnhof Südkreuz als komplett neues Stadtviertel entwickelt werden. Geplant ist ein Mix aus Wohnungen, Büros und Gewerbe, für den das Land und Privatinvestoren Hand in Hand arbeiten.

Zwischen S-Bahnhof Schöneberg und Südkreuz entsteht ein komplett neues Stadtviertel
Von Kristina Pezzei, 03.10.2018

Es war jahrelang eher das tote Auge im südlichen Schöneberg: Das Gebiet zwischen den Bahnhöfen Schöneberg und Südkreuz fristete ein Brachflächendasein, auf dem sich Gebrauchtwagenhändler und Ersatzteillager zwischen von Unkraut überwucherten Sandbergen tummelten.

Erst als vor zwölf Jahren der Bahnhof Südkreuz als neuer Knotenpunkt für den Fernverkehr und den künftigen Großflughafen BER den Betrieb aufnahm, rückten die Grundstücke ins Bewusstsein von Planern und Öffentlichkeit. Nach jahrelangen Vorbereitungen forcieren Bezirk und Land jetzt die Entwicklung der „Schöneberger Linse“, wie das Viertel wegen seiner augenähnlichen Form mit dem begrenzenden Sachsendamm im Süden und der S-Bahn-Trasse im Norden genannt wird.

Unterteilt in mehrere Baufelder plant das Land auf 20 Hektar eine Mischung aus Wohnen, Büro und Gewerbe; unter den Projektentwicklern und Investoren finden sich Schwergewichte wie das US-Unternehmen Hines, die skandinavische Bonava und OVG Real Estate genauso wie die landeseigene Gewobag und Genossenschaften sowie Baugruppen.

Mehr als 1.700 Wohnungen sind geplant. Für den jüngsten Tusch sorgte der schwedische Vattenfall-Konzern mit der Ankündigung, seinen Hauptsitz quasi direkt an den Bahnhof Südkreuz bauen zu wollen.

Ankurbeln der Nachfrage im Entwicklungsgebiet

Der Energieversorger will das Entwicklungsgebiet im Osten mit einer ehrgeizigen Architektur in Holz-Beton-Hybrid-Bauweise abschließen. Auf dem etwa 10.000 Meter großen Grundstück arbeiten dann gut 2.000 Mitarbeiter in zwei miteinander verbundenen Gebäuden mit einer Gesamtfläche von 29.000 Quadratmetern. Edge Technologies entwickelt das Projekt, in das 2021 die ersten Mitarbeiter einziehen sollen.

Bei der Entscheidung für Berlin-Schöneberg habe neben dem architektonischen und energetischen Konzept auch die Nähe zum Nahund Fernverkehr, zur Autobahn sowie die Flughafenanbindung eine Rolle gespielt, begründet der Konzern die Standortwahl. Von diesen infrastrukturellen Voraussetzungen erhofft man sich ein Ankurbeln der Nachfrage nach dem geplanten Hotelturm auf dem bisherigen Gelände der Stadtreinigung BSR – genauso wie für den Büro- und Gewerbemix, der quasi schräg gegenüber der künftigen Vattenfall-Zentrale als Lärmriegel für die dahinter geplanten Wohnungen dient.

Der Projektentwickler LIP plant an der Hedwig-Dohm-Straße einen größeren Supermarkt in dem Gebäude – als Nahversorger für die Wohnungen dahinter. Denn auf den landeseigenen Flächen des Baufeldes 2 und 3 will Berlin mittels der Wohnungsbaugesellschaft Gewobag seine Vorstellung eines sozial durchmischten Quartiers verwirklichen. Geplant ist ein Gebäudekomplex mit geschlossener Blockrandbebauung, in dem 200 Wohnungen entstehen sollen, die Hälfte davon mit Sozialbindung. Zudem soll eine Kita 32 Kindern eine wohnortnahe Betreuung ermöglichen.

Durch das Gelände führt eine Privatstraße, Grün lockert die Innenhöfe auf, Autos parken in der Tiefgarage. Die Bauarbeiten starten nach aktueller Planung im kommenden Jahr.

Gemeinwohlorientierte Projekte

Daran anschließend hat das Land erste Erfahrungen mit der Konzeptvergabe von Grundstücken gesammelt, bei denen Idee und Nutzung des Objektes vor dem Kaufpreis stehen. Aus einem mehrstufigen Verfahren mit zunächst mehr als 20 Interessenten gingen zwei Baugruppen, eine Genossenschaft und ein sozialer Träger als Sieger hervor. Die Informationen gerade auch aus den Gesprächen mit unterlegenen Bewerbern flössen in aktuelle und künftige solcher Verfahren ein, erklärt eine Sprecherin des Landes-Liegenschaftsverwalters BIM.

Im Vergleich zu den Plänen für das benachbarte Baufeld im Norden indes muten die gemeinwohlorientierten Projekte eher possierlich an: Östlich der Gotenstraße und nördlich des Tempelhofer Wegs plant der US-Konzern Hines den Bau von 660 Wohnungen, davon ein Teil im sozialen Wohnungsbau. Weitere 71 Wohnungen baut die Bonava zwischen Tempelhofer Weg und Sachsendamm, davon 55 mietpreisgebunden und 16 frei vermietbare Wohnungen. Gut 160 Eigentumswohnungen ergänzen das Gelände, die Erdgeschossflächen sind zum großen Teil für Gewerbe vorgesehen.

Warten auf Dynamik an der Gotenstraße

Während die Veränderungen auf diesen Bauplätzen in absehbarer Zeit sichtbar werden dürften, wartet der Bereich westlich der Gotenstraße noch auf Dynamik. Ein Großteil der Flächen ist in privater Hand. Einzig für eine Schule am Tempelhofer Weg gibt es konkrete Überlegungen, sie soll ausgebaut und der dazugehörige Sportplatz erneuert werden.

Auf der die „Linse“ durchquerenden Straße gilt künftig Tempo 30; zusammen mit dem Nahverkehrsangebot am Knotenpunkt Südkreuz hofft das Land, die zusätzliche Verkehrsbelastung so gering wie möglich zu halten. Grundsätzlich habe das Thema Verkehr bei einer Bürgerveranstaltung im Frühjahr für mehr Diskussionen gesorgt als die generelle Entwicklung, sagt der Architekt Ulrich Schop. Sein Büro roedig.schop architekten ist seit 2006 Gebietsbeauftragter des Bezirks für den Stadtumbau rund ums Südkreuz.

Die Bebauungspläne an sich seien eher positiv aufgenommen worden, auch der im Vergleich zu den ursprünglichen Planungen höhere Wohnanteil, sagt Ulrich Schop. Andernorts hatte die Größe von Bauvorhaben in der jüngeren Vergangenheit wütende Proteste von Anwohnern ausgelöst. Rund um das Brachland am südlichen S-Bahn-Ring wissen die Bürger indes seit mehr als einem Jahrzehnt von den generellen Bauabsichten, die das tote Auge in eine „Schöneberger Linse“ wandeln soll.

 

Abbildung oben: roedig.schop architekten

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