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Gelebtes Erbe

Das Bauhaus wird 100. Anlass für eine Spurensuche abseits der im Jahresverlauf zelebrierten Festivals, Museumseröffnungen und Einzeldenkmäler. In mehreren Städten Mitteldeutschlands haben Wohnungsunternehmen Siedlungen aus der Zeit im Bestand, deren Grundgedanken sie im Alltag weiterentwickeln.

Das Bauhaus wird 100. Anlass für eine Spurensuche
Von Kristina Pezzei, 15.04.2019

Tanztheater, Rauminstallationen, Kunstausstellungen – beim Eröffnungsfestival zum 100-jährigen Bauhaus-Jubiläum im Januar in Berlin standen zahlreiche Facetten der weltweit renommierten Schule im Vordergrund. Nur das Wohnen selbst, Aspekte des im Alltag gelebten Bauhauses, spielten eine Nebenrolle. Dabei gibt es mehrere Siedlungen direkt aus der Bauhaus-Schule oder aus ihrem Umfeld, in denen nach wie vor Mieter das berühmte Erbe täglich leben. Sie stehen vornehmlich in Mitteldeutschland, wo das Bauhaus mit seinen drei Standorten Weimar, Dessau und Berlin die größten Wirkungskreise entfaltete. Verwaltet werden sie zumeist von Wohnungsunternehmen oder Genossenschaften, die im Spannungsfeld von Denkmalschutz, Sanierungserfordernissen und den Bedürfnissen von Bewohnern versuchen, ihr architektonisches Kulturgut weiterzuentwickeln.
Eine der klassischen Siedlungen steht in Dessau. Hannes Meyer, der Walter Gropius als Bauhaus-Direktor nachgefolgt war, entwarf Ende der 1920er-Jahre fünf Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 90 Wohnungen als Laubenganghäuser: Die Eingangstüren mehrerer Einheiten liegen an einem gemeinsamen, offenen Gang, der zu einer Treppe führt. Die drei- bis viergeschossigen Gebäuderiegel gingen direkt aus der Architekturabteilung des Bauhauses hervor. Bis heute sind sie baulich weitgehend im Originalzustand, sie gehören der Wohnungsgenossenschaft Dessau eG. Im Rahmen von Führungen der Stiftung Bauhaus Dessau können Interessierte eine Musterwohnung besichtigen – was während des Jubiläumsjahres für Trubel in den ansonsten eher ruhigen Siedlungsstraßen sorgen dürfte.

Je nach Marktlage

Eine solche Wohnung als museale Blaupause hat auch die LEUWO AG eingerichtet. In Bad Dürrenberg, einer Kleinstadt südöstlich von Leipzig, hält das Unternehmen mit der „Alten Siedlung“ ein baugeschichtliches Juwel im Bestand. Auch dort prägen Laubenganghäuser das Quartier, neben Reihenhauszeilen und Wohngebäuden mit Wohnzimmerfenstern über Eck. Zum Ensemble zählt eine durchdachte Freiflächengestaltung von der Konzeption von Wiesenflächen bis hin zur Auswahl der Baumarten. Als Architekt wirkte Alexander Klein, der mit Walter Gropius zusammengearbeitet hatte und in Wohnungsfragen als ein Vordenker der 1920er-Jahre gilt. Während die LEUWO ihre Siedlung eher als Einzeljuwel pflegt, fügen sich die noch bewohnten Baudenkmäler in Gera in einen ganzen Kanon von Bauhaus-Erbstücken ein: Immerhin bezeichnet sich die gut 95.000-Einwohner-Stadt als die „mit den meisten Baudenkmälern des Neuen Bauens in Thüringen“. Dort verwaltet die Geraer Baugenossenschaft Glück auf eG Gebäudeblöcke, die in den Zwanzigern im gedanklichen Umfeld des Bauhauses entstanden sind.

Angesichts des jahrelangen Schrumpfens von Gera, verbunden mit einem massiven Rückbau von Wohnungen und nach wie vor hohen Leerstandszahlen, kristallisieren sich hier die Herausforderungen im Umgang mit dem Bauerbe im Schatten von Metropolen und Attraktionen heraus. Einerseits stehen die Siedlungen unter Denkmalschutz und dürfen nur behutsam verändert werden, umreißt Vorstandsvorsitzender Uwe Klinger das Spannungsfeld. Andererseits gelte es, so mit dem Wohnungen umzugehen, dass sie sich vermarkten lassen. „Wir brauchen ein gutes Preis-Leistungs- Verhältnis“, sagt der langjährige Genossenschaftsvorsitzende, der die Denkmal- Bestände vor vier Jahren von einer Vorgängergenossenschaft übernommen hat. „Man muss sich Mühe geben, auf die heutigen Bedürfnisse von Mitgliedern einzugehen.“

Die Grundrisse von damals entsprechen häufig nicht mehr in jeder Hinsicht dem Zeitgeist: Zwar begrüßten Interessenten häufig, dass alle Zimmer vom Flur abgehen, beschreibt Uwe Klinger. „Aber im Sanitärbereich haben wir Herausforderungen, da sind die Bäder klein und schmal zu Gunsten einer Speisekammer.“ Insofern lotet die Genossenschaft stets aufs Neue mit den Denkmalschützern aus, welche Veränderungen im Innern möglich sind.
In Erfurt, wo die Kommunale Wohnungsgesellschaft (KoWo) mbH Häuser mit 193 Wohnungen im Bauhaus-Stil verwaltet, gelang es in einigen Fällen, die Bäder zu vergrößern – in dem die Flächen der angrenzenden Speisekammern hinzugenommen wurden. Dafür braucht es freilich finanzielle Mittel: „Wir haben neue Versorgungsleitungen für Kalt- und Warmwasser verlegt, Abwasser, Telefon und Antennen“, sagt Sprecherin Cornelia Schönherr.

Im Zuge der Sanierung sei ein Karree mit 143 Wohnungen zudem an das Fernwärmenetz der Stadtwerke Erfurt angeschlossen und die Fassaden angestrichen worden. In diese Großsanierung in den Jahren 2015 und 2016 investierte die KoWo etwa zehn Millionen Euro; die 50 Wohnungen in einem gegenüberliegenden Block wurden mehr als zehn Jahre vorher erneuert. Hier erhielten die Bewohner unter anderem Balkone – in enger Abstimmung mit dem Denkmalschutz, denn gerade in der äußeren Gestaltung zeigen sich die Konservatoren sensibel; umfassende Dämmvorhaben sind ohnehin kaum möglich.

In größeren Städten kommt Unternehmen bei der Vermietung von Objekten, die nicht mehr den Ansprüchen an Größe und Zuschnitt von Wohnungen genügen, der Druck auf den Wohnungsmarkt entgegen, wie es der Vonovia-Konzernstadtplaner Siegfried Berg beschreibt. Er leitet die Bereiche Städtebau und Grundstücksmanagement, der Konzern hat neben mehreren Siedlungen in Frankfurt am Main ein 1920er-Jahre-Ensemble im Dresdner Vorort Laubegast im Bestand. „Damals waren die Wohnungen für bis zu fünf Menschen konzipiert, heute ziehen Singles oder Paare ein“, sagt er über die veränderten Zielgruppen.

Wegen der allgemein hohen Wohnungsnachfrage sei bei ihnen eher Aus- als Umbau ein Thema – man überlege beispielsweise regelmäßig gemeinsam mit den Behörden vor Ort, ob und wo ein Dachausbau erfolgen oder das Dach erhöht werden könne. „Letztlich sind die Denkmalschützer an Lebendigkeit in den Vierteln interessiert“, sagt Siegfried Berg. Auch Vorstandschef Uwe Klinger in Gera bekräftigt das grundsätzliche Wohlwollen bei solchen Verhandlungen: „An Leerstand hat keiner Interesse.“

Die Mietdauer in den historischen Siedlungen ist hoch, was auch an der hohen Wohnqualität des Umfeldes liegt: Eines der Leitbilder war damals das Mitgestalten der Umgebung, die Bereiche zwischen den Häusern sind in der Regel landschaftsarchitektonisch ansprechend hergerichtet. „Man hält sich dort gern auf, Kinder können in Sicherheit spielen“, sagt KoWo-Sprecherin Cornelia Schönherr. Und die Menschen sind sensibilisiert für die Besonderheiten ihres Zuhauses – nicht zuletzt dank Musterwohnungen wie in Bad Dürrenberg oder Schautafeln und Informationen in den und um die Gebäude. Auch in den Mitglieds- und Mieterzeitschriften thematisieren die Wohnungsunternehmen das Architektur-Erbe nicht erst seit dem Start des Bauhaus-Jubiläumsjahres.

Interessant für Studenten

Lernen könnten die Unternehmen durchaus von den Ideen und Konzepten der damaligen Zeit, bekräftigt Vonovia- Sprecherin Nina Henckel. „Schon der Gedanke des Funktionalen und des Verzichtes auf Ornamentik hilft bei heutigen Fragestellungen im Wohnungsbau“, erklärt sie mit Blick auf Ansätze seriellen Bauens. Konzernarchitekt Siegfried Berg hebt vor allem die durchdachten Gesamtkonzepte hervor, auch wenn man heute andere Leitbilder verfolgen würde, sowohl im Innern – wo Räume flexibel nutzbar sein sollen – als auch im Stadtteil, in dem Wohnen und Arbeiten eher zusammengedacht würden.

Bei der KoWo in Erfurt wiederum versucht man, den Generationswechsel und damit das Weiterleben des Erbes ganz praktisch anzuschieben: Das Unternehmen hat eine Musterwohnung eingerichtet, in der es Gestaltungstipps etwa für die Nutzung der Küche als zentralem Treffpunkt in der Wohnung gibt. Das habe bei Studierenden großen Anklang gefunden, sagt Cornelia Schönherr – und die Nachfrage nach der Neugründung von Wohngemeinschaften in dem denkmalgeschützten Ensemble sei spürbar angezogen.

 

Foto: Shutterstock.com, Oleksandr Kavun

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