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Halles neue Industrie-Wohnschlösser

Teekontor, Brauerei und Papierfabrik werden zu Wohnkomplexen umgebaut. Warum in der Saalestadt gleich mehrere Großprojekte entstehen.

Teekontor, Brauerei und Papierfabrik werden zu Wohnkomplexen umgebaut
Von Steffen Höhne, 03.10.2018

Hohe Decken, große Fenster, dicke Backsteinmauern: In mehreren altehrwürdigen Industriefabriken der Stadt Halle entstehen derzeit Wohnungen. Nur in wenigen Fällen handelt es sich dabei wirklich um klassische Loft-Wohnungen mit 200 Quadratmetern. Doch auch im Kleinen geht bei keinem der Projekte der ursprüngliche Charakter verloren.

Im Herbst 2018 will die Leipziger Instone Real Estate GmbH mit der Sanierung des ehemaligen Teekontors starten. In dem innenstadtnahen Industriedenkmal aus der Gründerzeit sollen mehr als 100 Wohnungen entstehen. Die Mehrzahl werden sogenannte Mikro-Apartments mit einer Wohnfläche von 40 bis 60 Quadratmetern. „Im Großraum Halle-Leipzig gibt es eine große Nachfrage nach kleinen und mittelgroßen Wohnungen, die eine hohe Flexibilität, aber gleichzeitig auch Lebens- und Wohnqualität bieten“, sagt Instone-Vorstand Torsten Kracht. Das Angebot zielt vor allem auf Studenten, Singles und Pendler, einige größere Wohnungen sind für junge Familien bestimmt. Das Areal wird zudem ein Fitnessstudio und eine Lounge beherbergen.

23 Millionen Euro kostet nach Angaben von Instone der Umbau. Der Gebäudekomplex wurde Ende des 19. Jahrhunderts von Carl Wilhelm Caesar und Otto Lorenz für den Handel und die Verarbeitung von Tee errichtet. Der Ziegelbau im Stil eines italienischen Renaissance-Palazzo ist seit Ende der 1990er-Jahre ungenutzt und steht unter Denkmalschutz. Daher werde so viel Gebäudesubstanz wie möglich erhalten und aufgearbeitet, teilt Instone mit. So soll die historische Backsteinfassade des Teekontors nach der Sanierung in altem Glanz erstrahlen.

Der hallesche Architekt Matthias Prinich spricht von spezifischen Herausforderungen bei der Umgestaltung der ehemaligen Fabrikhallen. „Die Decken sind für Wohnungen häufig zu hoch, doch zu niedrig, um eine zweite Ebene einzufügen“, erklärt er. Zudem seien die meisten Etagen von Industriegebäuden sehr breit. „Maschinen störe es nicht, wenn sie kein Tageslicht bekommen. Für eine Wohnbebauung ist das jedoch eine Herausforderung.“

Matthias Prinich hat für den Magdeburger Immobilienentwickler MCM die Planung bei der ehemaligen Freyberger Brauerei in Halle übernommen. Für einen zweistelligen Millionenbetrag sollen 150 exklusive Wohnungen auf 14.500 Quadratmetern in dem denkmalgeschützten Gebäudekomplex direkt am Fluss Saale entstehen, kündigte zuletzt MCM-Vorstand Peter Pfeffer an. Trotz ausgebranntem Dachstuhl und zersplitterten Fenstern ist die einstige Pracht des zinnenbekrönten Backsteinbaus unübersehbar.

Vor allem die derzeit günstigen Finanzierungskosten und die gestiegene Nachfrage nach hochwertigem Wohnraum in Halle ermöglichen solche Projekte wieder. Bis vor wenigen Jahren war es in der Händel-Stadt kaum möglich, Kaltmieten oberhalb von zehn Euro zu erzielen. Das hat sich geändert. Durch die Nähe zu Leipzig ist Halle mit 230.000 Einwohnern auch auf die Karte der größeren Investoren gerückt. „In der Saalestadt finden sich interessante Objekte, die man so in anderen deutschen Großstädten nur noch schwer findet“, sagt Peter Pfeffer.

Aus dem Dornröschenschlaf erweckte der Immobilieneentwickler Temba Schuh die Kröllwitzer Papiermühle. Für 14 Millionen Euro lässt der Unternehmer oberhalb der Saale Industrielofts entstehen – es ist derzeit wohl das spektakulärste Wohnungsbauprojekt der Stadt. Der bereits 1716 errichtete Gebäudekomplex beherbergte einst Deutschlands größte Papierfabrik. Doch seit rund 80 Jahren standen große Teile leer oder wurden nur noch als Lager genutzt. In den vergangenen Monaten ließ Temba Schuh zunächst das ehemalige Maschinen- und Kesselhaus entkernen und sanieren. 12.000 Tonnen Schutt haben die Bauarbeiter vom Gelände geholt, bevor der Ausbau überhaupt angefangen hat.

Bei den Arbeiten wurden auch versteckte Kellerräume gefunden, die auf keinen Karten verzeichnet waren. „Bei solchen Projekten gibt es immer Überraschungen“, sagt Temba Schuh. Doch schon beim Projektstart hat der Fachmann nie die Ruine gesehen, sondern 23 Wohnungen mit einer Größe von 80 bis 200 Quadratmetern, die teilweise über eine Dachterrasse verfügen. Nun geben die großen Fenster der Wohnungen einen Panoramablick auf die Saale frei. „Für einen solchen Ausblick lohnt es sich, zu investieren“, sagt er. Alle Wohnungen seien bereits verkauft, im Herbst 2018 sollen die ersten bezogen werden. Danach geht es mit der Sanierung des Turbinenhauses und der Errichtung eines kleinen Wasserkraftwerkes zur Stromerzeugung weiter.

„An das Ambiente alter Gemäuer kommen Neubauten einfach nicht heran“, erklärt Temba Schuh sein Faible für alte Bauwerke. Teekontor, Freyberger Brauerei und Papierfabrik werden daher wohl nicht die letzten Industriebauten sein, die in Halle zu schicken Wohnschlössern umgebaut werden.

 

Visualisierung oben: Instone Real Estate

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