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Kluge Kästen oder Sinnbild für Einheitsbrei?

Modulares Bauen ist in aller Munde und soll für eine Entkrampfung des Wohnungsmarktes sorgen.

Modulares Bauen ist in aller Munde und soll für eine Entkrampfung
des Wohnungsmarktes sorgen
Von Ivette Wagner, 26.02.2018

Raummodule aus der Hausfabrik, die per Lastwagen kommen; Wohncontainer, die ohne die erwartete Kargheit sogar ein wenig Luxus ausstrahlen. Eine Standardisierung im Einzelnen wird ausgerufen, die Vielfalt im Großen. „Die Akteure der Immobilienbranche, der Stadtplanung und der Design-Büros müssen lernen, zyklischer und dynamischer zu denken, wenn sie wettbewerbsfähig bleiben wollen“, sagt Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx. „Denn Flexibilität des Wohnens ist keine Frage der Funktionalität, sondern eine Frage der Vorstellungskraft. Von der Idee eines festen Wohnraums werden wir uns verabschieden.“

Die Welt dreht sich in der Wahrnehmung ein wenig schneller, Digitalisierung und dynamische Arbeitswelten verändern das stoisch vor sich hinlaufende Getriebe der Alltäglichkeit. Flexibilität lautet das Schlagwort. Denn: Es wird gewandert, hin zum Arbeitsplatz, zur Wohlfühlumgebung. Dazu müssen die Standortvariablen passen – vom Wohnen über die soziale Infrastruktur mit Kitas und Schulen bis zu Versorgungseinrichtungen. Das ist der eine Vorteil. Die anderen machen den Modulbau so interessant: Die Kosten sinken, die Bauzeit verkürzt sich. Beides kann zu einem Aufatmen in Zeiten der Wohnungsnot führen.

Grundstücke verlangen individuelle Entwürfe. Mal handelt es sich um Lückenbebauung, mal um einen Ergänzungsbau. Nur selten werden auf der grünen Wiese ganze Komplexe hingesetzt, sondern es findet eher eine Integration in bestehende Quartiere statt. Individualität als oberstes Gebot. Noch eine Ersparnis: Wenn es nach dem Willen der Modulbauer ginge, dann würden auch die komplexen Genehmigungsverfahren wegfallen. Denn: Was in einer Stadt genehmigt werde, könne ja in der anderen Stadt nicht weniger gut sein. Zumal die Bauten ja beispielsweise immer den gängigen Bundes- und DIN-Normen entsprechen müssen.

SysCo Wohnen heißt dieses Bausystem. Quelle: FUCHS & Söhne GmbHDie Menke GmbH ließ bereits 2014 ihr Berliner Bürogebäude in Modulbauweise errichten. Damals eine Besonderheit, heute fast Normalität. Foto: KleusbergALGECO passt sich mit seinem Smart Apart dem Trend Microwohnen an. Quelle: ALGECOEbenfalls im Sortiment: Shoplösungen für Verkaufsräume im Einzelhandel bis hin zur Verkaufskette und der Systemgastronomie. Quelle: ALGECO

 

Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft HOWOGE soll den Bedürfnissen einer breiten Mieterschaft gerecht werden und hat ein sogenanntes Wohnungsbewertungssystem entwickelt, das serielles Bauen ermöglicht. Es definiert die funktionalen und flächenspezifischen Mindeststandards für Neubauwohnungen. Weiterhin gibt die Systematik die Anzahl der Wohnungen, den Wohnungsmix und die Größe der jeweiligen Wohneinheiten vor. Das Wohnungsbewertungssystem stellt alle Fakten transparent dar und gibt den Planern eines Neubauprojektes einen klar umrissenen und sozusagen atmenden Spielraum vor. Die Effizienz dient hier als roter Faden: Die Planungszeit verkürzt sich genau wie die Bauzeit, die Kosten werden gesenkt, die Qualität ist gesichert. Für den Mieter bedeutet das: bezahlbare Mieten und einen individuellen Grundriss.

Das Bundesbauministerium (BMUB) und der GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) initiierten eine Ausschreibung für „Serielles Bauen“, um den Bau preisgünstiger Wohnungen in hoher Qualität zu beschleunigen. Es ist beabsichtigt, eines oder mehrere Konzepte aus der Rahmenvereinbarung als Prototypen im Rahmen der IBA Thüringen 2019/2021 zu präsentieren. Und so wiederholt Axel Gedaschko, Präsident des GdW, fast mantramäßig: „Die innovativen Baukonzepte sollen vier Dinge vereinen: Zeitersparnis beim Bau, reduzierte Baukosten, eine hohe architektonische und städtebauliche Qualität sowie die Berücksichtigung baukultureller Belange. Wir brauchen in Deutschland ein Neubau-Klima. Denn in den Städten haben insbesondere Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen Schwierigkeiten, eine bezahlbare Wohnung zu finden.“

In jüngster Vergangenheit finden sich an vielen Stellen Bekenntnisse zum seriellen Bauen. Barbara Ettinger-Brinckmann, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer, beispielsweise sagt: „Das serielle Bauen hat vor dem Hintergrund der Wohnungsnot neue Aktualität. Wir wollen das schnelle und preisgünstige Bauen mit hoher gestalterischer Qualität verbinden. Nur gut gestaltete Wohnungen und Häuser erfreuen sich über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte großer Beliebtheit und Anziehungskraft. Die Herausforderung für Städte und Gemeinden, für öffentliche und private Bauherren besteht darin, geeignete Flächen zu finden, auf denen gebaut werden kann. Hier gilt es, die urbanen Räume zu verdichten, um nicht nur die bestehende Infrastruktur wirtschaftlich zu nutzen, sondern auch neue Großsiedlungen mit all ihren Problemen zu vermeiden. Es wird keine neuen Plattenbausiedlungen geben. Die Architekten und Stadtplaner sehen einen langfristigen Erfolg des seriellen Wohnungsbaus zwingend mit integrierten Stadtentwicklungskonzepten verknüpft.“

Ergo: Der aus vergangenen Zeiten bekannte Einheitsbrei wird also nicht zustande kommen. Denn: „Das Modulhaus entspricht als Innovationsträger dem Anspruch an Flexibilität, den die junge, urbane Generation an Gebäude heranträgt“, so der Geschäftsführer des Bundesverbands Bausysteme und Leiter des Fachverbands Vorgefertigte Raumsysteme Günter Jösch.

Verschiedene Firmen haben sich auf Modulbauten spezialisiert. Das Familienunternehmen FUCHS & Söhne beispielsweise will im Wohnungsbau mit dem System SysCo Wohnen punkten und demnächst im Raum Berlin und Potsdam 300 Wohneinheiten errichten. Die Firma ALGECO hat eine Studie in Auftrag gegeben, die – Überraschung – „klar die modulare Bauweise als eine Lösung, um dem Megatrend Mobilität gerecht zu werden“ benennt.

Egal ob Büro, Wohnung, Schule, Kita oder Einzelhandel – alle können partizipieren. „Die Chance für einen deutlichen Anstieg der modularen Bauweise ist in jedem Fall gegeben, vielleicht ist das sogar die Zukunft“, lässt sich ein Umfrageteilnehmer der Studie zitieren. Was einst eher als Interimslösung galt, sehen viele für die Zukunft als Standard.

 

Visualisierung oben: ALGECO passt sich mit seinem Smart Apart dem Trend Microwohnen an. Quelle: ALGECO

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