Nachrichten | Sachsen

Liebling Chemnitz

In Sachsens drittgrößter Stadt wird intensiv an der Zukunft geplant. Baubürgermeister Michael Stötzer wünscht sich mehr Verdichtung, skizziert die aktuellen Projekte und setzt auf kommende Generationen.

In Sachsens drittgrößter Stadt wird intensiv an der Zukunft geplant
Von Ivette Wagner, 11.04.2018

Michael Stötzer. Foto: Dirk Hanus

Wenn er aus seinem Büro schaut, erblickt Baubürgermeister Michael Stötzer viele Areale, die in den kommenden Jahren städtebaulich eine entscheidende Rolle spielen werden. Direkt an der Bahnhofstraße und nah an der Chemnitzer Innenstadt befinden sich die Baufelder E3 und E4: Der Stadtrat traf hier eine Vorentscheidung, mit Investoren in Verhandlungen zu gehen. Parallel dazu laufen die Planungen für die Gebäude.

„Bis zum Sommer 2018 wollen wir den Bebauungsplan so bearbeiten, dass Baurecht besteht“, sagt Michael Stötzer. Insgesamt handelt es sich um sechs Baucarées. „Bisher wurden diese Flächen nur als Stellplätze genutzt. Städteplanerisch macht das keinen Sinn, für das Stadtbild ebenfalls nicht.“ Eine Verdichtung sei für das Zentrum nach wie vor wünschenswert. Wohnungen entstehen hier, genau wie Handel, Gastronomie, ein Ärztehaus und ein Hotel.

Vor allem letzteres sieht Michael Stötzer als ein gutes Zeichen für die Beliebtheit von Chemnitz. Die Fertigstellung des Komplexes ist für 2021 geplant. Gegenüber und ebenfalls zur Innenstadt gehörend gibt es Aktivitäten auf dem Baufeld F4. Dort läuft das Ausschreibungsverfahren eines regionalen Energieversorgers, der eine Firmenzentrale errichten will. Neben den großen Projekten findet man kleinere Aktivitäten: beispielsweise am Getreidemarkt, ebenfalls mitten in der Innenstadt.

Noch in diesem Jahr beginnen die Arbeiten an einem Wohn- und Geschäftshaus mit etwa 2.000 Quadratmetern Handelsfläche. Die Veränderungen an der Gastronomiemeile auf der Klosterstraße laufen weiter, Grundrisse werden optimiert, Umbauten vorgenommen. Im Außenbereich wird ebenfalls gearbeitet. „Wir verbessern die Aufenthaltsqualität mit einem Wasserspiel, Bänken und Begrünung“, so Michael Stötzer. Im Mai 2018 soll alles fertig sein. Eine weitere Belebung der Straßen und Plätze sowie eine erhöhte Aufenthaltsdauer – auch zum Wohle der Händler – sind das Ziel.

Stabile Großstadt

Sachsens drittgrößte Stadt avanciert zum Investorenliebling, rückt in das Immobilien- Blickfeld. Harte und weiche Fakten sprechen für sich: „Chemnitz gehört zu den wirtschaftlich stabilsten Großstädten Deutschlands. Im Gegensatz zu Leipzig und Dresden ist es mit seinem großen Einzugsgebiet meist unterschätzt und bietet Investoren im jetzigen Marktumfeld noch ein attraktives Rendite-Risiko-Profil,“ erklärt beispielsweise COMFORT-Geschäftsführer Björn Gottschling. Engel & Völkers sieht einen Standort mit unausgeschöpften Marktpotenzialen und regem Handel bei Wohnund Geschäftshäusern – und eröffnete einen Gewerbeimmobilienshop.

„Chemnitz weist mit 213 gehandelten Anlageimmobilien ein reges Marktgeschehen auf. Das Transaktionsvolumen stieg gegenüber dem Vorjahr im Jahr 2017 um rund 15 Prozent auf 97 Millionen Euro“, sagt Ralf Oberänder, Geschäftsführender Gesellschafter bei Engel & Völkers Commercial Chemnitz. Mit der Entwicklung zeigt sich die Verwaltung hoch zufrieden. Vor fünf oder sechs Jahren hätten nicht viele an Chemnitz geglaubt. „Es freut uns auf jeden Fall, dass wir interessant sind, aber beruhigen tut es uns nicht“, so Michael Stötzer. Zeit zum Ausruhen sei nicht da, auch wenn frühere bauliche Sorgenkinder nun Zuwendung bekommen. Dabei handelt es sich vor allem um Immobilien, bei denen man lange Zeit überlegte, wie man sie wieder ertüchtigen kann. „Das betrifft vor allem denkmalgeschützte Häuser. Da sieht man heute einen Wert, der viele Jahre versteckt war.“

Zeitachsen beachten

Der Gewerbebereich steckt ebenfalls voller Herausforderungen: „Wir müssen permanent darüber nachdenken, was wir als Stadt anbieten können, um die Anforderungen unterschiedlichster Firmen zu erfüllen“, sagt Michael Stötzer. Pro Jahr werden etwa sieben bis acht Hektar bereitgestellt – und das in den letzten zehn Jahren. 2018 wird es eine ähnliche Zahl geben. „Insgesamt haben wir noch etwa 70 Hektar.“ Das bedeutet: Potenzial für die kommenden zehn Jahre. Ziel müsse es sein, dass man weiterhin auf Nachfragen reagieren könne.

„Die Erschließung von Gewerbeflächen ist ein langwieriger Prozess, der meist B-Pläne beinhaltet, die Revitalisierung von Brachflächen sehr zeitaufwendig“, so Michael Stötzer. Eine detaillierte Bauleitplanung sei notwendig, der öffentlichen Beteiligung müsse Zeit gegeben, umweltrechtlichen Anforderungen Raum eingeräumt werden. „Die Zeitachsen dafür dürfen nicht unterschätzt werden.“

Weiteres Einwohnerplus

Mit stetig sinkenden Arbeitslosenzahlen sowie einer insgesamt sehr positiven wirtschaftlichen Entwicklung punktet Chemnitz außerdem. Im Jahr 2017 verzeichnete die Stadt zudem ein Einwohnerplus von 540 Menschen. Insgesamt ergibt sich daraus eine Bevölkerungszahl von 247.422 Menschen mit Hauptwohnsitz, plus etwa 2.000 Personen mit Zweitwohnsitz. Damit bestätigen sich die neueren Prognosen zum Wachstum.

„Allerdings achten wir darauf, dass weder die niedrigste noch die höchste Prognose allein in unsere Einschätzungen eingehen. Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte“, sagt Michael Stötzer. Mit diesem Hintergrund gab die Stadt ein Wohnraumbedarfskonzept in Auftrag. Die organisierte Wohnungswirtschaft und private Unternehmen wurden dazu eingeladen – die Fachkompetenz aller soll einfließen. „Erkennbar ist schon jetzt eine positive Tendenz. Der Wohnungsmarkt in Chemnitz zeigt sich entspannt.“

Als ein positives Beispiel hebt Michael Stötzer den Sonnenberg hervor: Dieser Teil spiegelt die insgesamt sehr gute Entwicklung wider. Nach jahrelangem Wegzug und großer Unbeliebtheit kommen nun Familien wieder zurück. Ebenfalls feststellbar: eine gute Durchmischung wie im Gebiet an der Flemmingstraße, wo sich vor allem Bauten aus den 1960er-Jahren finden. Viele Jahre lang dominierten die Erstbezügler, die Alterung des Areals schritt voran. Nun wandelt sich mit dem Zuzug junger Familien das Bild.
 

Der Leerstand im gesamten Stadtgebiet wird in den kommenden fünf bis sechs Jahren auf etwa neun Prozent sinken. Das, so Michael Stötzer, sei aber nicht der Weisheit letzter Schluss, weil man immer beachten müsse, was für Wohnungen leer stehen. Denn es besteht Bedarf. Vor allem an größeren Wohnungen für Familien mangelt es. Das hängt unter anderem mit den stetig steigenden Geburtenzahlen zusammen. Außerdem wächst die Bevölkerungsgruppe der älteren Menschen, besonders die der über 80-Jährigen, die kleine, möglichst barrierefreie Wohnungen brauchen. „In diesen beiden Bereichen müssen wir nachsteuern.“

Angebote vorhanden

Momentan gibt es etwa 360 Bauplätze in neueren Gebieten, aber noch einmal genau so viele in Lücken. Demgegenüber stehen etwa 200 Bauwillige pro Jahr. „Wir haben also noch Angebote, trotzdem passt nicht jedes Grundstück zur Planung“, sagt der Baubürgermeister. Auch für die Zukunft bedeute das weiterhin, die Balance aus Angebot und Nachfrage zu finden. Erst recht, wenn Chemnitz noch mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rückt, beispielsweise mit der Bewerbung als Kulturhauptstadt. Um das optimal abbilden zu können, bedürfe es nicht nur einer Infrastruktur aus Museen, Straßen und einem zeitgemäßen Bahnanschluss. „Das Gesamtpaket muss stimmen.“

Im Zuge der Bewerbung komme es beispielsweise zu einer Aufwertung öffentlicher Plätze und Grünflächen. Zur Bewerbung passt hervorragend eine Planung im Theaterquartier, die vorangetrieben wird. Ziel ist es, einen B-Plan bis 2019 zu erstellen. „Für einen Rahmenplan konnten wir das Büro AS+P Albert Speer + Partner GmbH gewinnen“, so Michael Stötzer. Der Name des Quartiers verrät es schon: Es soll eine Mischung aus Wohnen, Bildung und Kultur werden, die Verbindung der Innenstadt hin zum Brühl bilden. Es schließt dabei das Opernhaus mit ein, die Technische Universität liegt direkt am Quartier.

Ebenso baut der Freistaat Sachsen die alte Aktienspinnerei an der Straße der Nationen für 49,5 Millionen Euro zur Zentralbibliothek für die TU Chemnitz um. Ein weiterer Baustein in diesem Areal. Zudem sollen Probebühnen errichtet werden. Hier wie auch an anderen Stellen sieht Michael Stötzer ein großes Potenzial. Rund um das Gunzenhauser Museum an der Zwickauer Straße gebe es noch viele ungenutzte Flächen, die einer intensiven Betrachtung unterzogen werden könnten. „Das kann dann eine andere Generation übernehmen.“ Denn die Entwicklung einer Stadt sei die Aufgabe vieler Jahrgänge und könne nicht innerhalb von wenigen Jahren realisiert werden.

 

Titelbild: shutterstock.com / pixelliebe; shutterstock.com / 32 pixels

Zurück