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Neues Wohngebiet auf alter Abrissfläche

In Erfurt entstehen in den nächsten Jahren Tausende neue Wohnungen.

In Erfurt entstehen in den nächsten Jahren
Tausende neue Wohnungen
Von Esther Goldberg, 11.04.2018

Thüringens Landeshauptstadt hat derzeit keinen Mietspiegel – zumindest keinen, der aktuell wäre. Der aus dem Jahr 2014 ist Ende 2017 ausgelaufen, nachdem er bereits ein Jahr verlängert worden war. Und längst haben die Mietpreise in attraktiven Wohngegenden den veralteten Spiegel ad absurdum geführt. „Der Mietspiegel ist ein Friedensinstrument“, so Frank Warnecke, Chef des Mieterbundes Thüringen.

Er vergleicht die Verhandlungen um den Mietspiegel mit den Tarifgesprächen in der Arbeitswelt. Da ist man bei weitem nicht einer Meinung. „Mieter und Vermieter sind häufig unterschiedlicher Auffassung über die Höhe der Vergleichsmiete“, räumt Frank Warnecke ein.

Derzeit tut die Stadt einiges, um die gefühlte Wohnungsknappheit zu überwinden, die offiziell vom Verband der Thüringer Wohnungswirtschaft noch nicht akzeptiert wird. Vielmehr heißt es von dort, dass jeder eine Wohnung bekomme, der eine suche. Nur halt nicht jene, die er gern hätte. Und Sozialwohnungen werden in Erfurt bislang überhaupt nicht gebaut. Es gibt lediglich den Willen der Stadt, jede fünfte neu gebaute Wohnung in größeren Siedlungen als Sozialwohnung zu deklarieren.

Paul Börsch, Leiter des Amtes für Stadtentwicklung und Stadtplanung. Foto: Esther Goldberg

„Dafür haben wir ein Gutachten in Auftrag gegeben, um rechtlich auf der sicheren Seite zu sein“, sagt Paul Börsch, Leiter des Amtes für Stadtentwicklung und Stadtplanung. Gegen sozialen Wohnungsbau hat auch Sabine Anhöck, Chefin des Bauträgers Anhöck & Kellner, nichts einzuwenden. „Wir als Bauträger können das aber nicht übernehmen“, sagt sie. Und Paul Börsch erklärt, dass Thüringen tatsächlich derzeit das einzige Bundesland ist, wo die Konditionen für Bauherren keinen Anreiz für eine Mietpreisbindung für die nächsten 20 Jahre bieten. In Nordrhein- Westfalen zum Beispiel werden Bauherren mit bis zu 1.700 Euro pro gebauter Wohnfläche mit Fördergeldern unterstützt.

Anhöck & Kellner arbeiten derzeit wieder an einem neuen Wohungsbauprojekt: In der Erfurter Singerstraße, im Neubaugebiet Herrenberg, wurden vor Jahren alte Häuser abgerissen. Offiziell nannten die Zuständigen das Rückbau. Dort, auf dieser Brache, sollen nun neue Wohnungen entstehen. Der entsprechende Architektenwettbewerb ist zu Ende gegangen, der Preisträger gekürt – das Projekt von Henchion Reuter hatte gewonnen. Ab 2020 entstehen in der Singerstraße 150 Wohnungen zwischen 50 und 150 Quadratmetern Größe.

Sozialwohnungen wird es am Neuerbe nicht geben.

Theoretisch müssten mindestens 30 davon mietpreisgebunden sein. „Doch es gibt vom Land keine Förderung“, bedauert Sabine Anhöck. Wahrscheinlich wird der Bauträger einen Mix aus Eigentums- und Mietwohnungen in dem Gebiet anbieten. Der Quadratmeter Wohnfläche kostet etwa 4.000 Euro. „Schließlich braucht es einigen baulichen Aufwand“, so Sabine Anhöck. Denn inzwischen steht auch fest, dass dort Tiefgaragen entstehen. Es ist übrigens erstmalig in Erfurt, dass auf einstigen Brachen von Wohnungsbauunternehmen neue Häuser gebaut werden. Abgesehen davon, dass das Sinn macht, werte man zudem das gesamte Viertel auf, heißt es aus dem Rathaus.

Erfurt sucht mit weiteren Wegen Auswege aus dem Dilemma: Die Stadt wächst, der Wohnungsbau hält damit kaum Schritt. Laut Paul Börsch benötigt Erfurt jährlich 700 neue Wohnungen im Geschosswohnungsbau und 200 Einfamilienhäuser. Neue Ideen bringen neue Wege. Ob es die richtigen sind, lässt sich noch nicht sagen.

Erstmals steigt in Erfurt die GWH mbH Hessen, das ist die Wohnungsgesellschaft Hessens, in den Wohnungsmarkt ein. Sie hat zwei Grundstücke gekauft und will noch in diesem Jahr mit dem Bau von insgesamt 460 Wohnungen auf dem Areal des Alten Posthofes beginnen. Es entstehen Zwei- bis Fünf-Raum-Wohnungen, die entweder einen Balkon oder eine Terrasse haben, ein Teil in den insgesamt vier Häusern mit vier Etagen werden dann Sozialwohnungen sein.

„Anfang 2020 sollen dort die ersten Mieter einziehen“, versichert Unternehmenssprecher Marc Homann. Das zweite Wohnprojekt, das die Hessen in Angriff nehmen, ist am Neuerbe angesiedelt, in Sichtweite zur Altstadt. Hier baut das Unternehmen 75 Wohnungen zwischen 40 und 125 Quadratmetern Wohnfläche. Hinzu kommen 60 Tiefgaragen-Stellplätze.

Die ersten Mieter ziehen bereits im kommenden Jahr ein. Sozialwohnungen gibt es hier allerdings nicht. „Erfurt gehört zu unseren Wachstumsmärkten“, beschreibt Marc Homann das Engagement des Unternehmens für Bauland in der Stadt. Über Grundstückspreise wird nicht gesprochen. „Wir haben im Kaufvertrag Verschwiegenheit vereinbart“, heißt es dazu.

Das Unternehmen will dauerhaft in der Stadt bleiben. Es hat in seinem Bestand 50.000 Wohnungen mit Schwerpunkten unter anderem in Nordhessen, im Rhein-Main-Gebiet und in Düsseldorf. Hannover und Erfurt heißen die neuen Märkte für die 1924 gegründete Wohnungsgesellschaft, die zudem als Tochter zur Landesbank Hessen-Thüringen gehört. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Mietspiegel diese neuen Wohnungen noch nicht mit berücksichtigen wird.

 

Visualisierungen: GWH mbH Hessen

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