„Berlin ist nie wegen der Politik erfolgreich geworden – sondern trotz ihr

„Berlin ist nie wegen der Politik erfolgreich geworden – sondern trotz ihr

„Berlin ist nie wegen der Politik erfolgreich geworden – sondern trotz ihr

Julian Teicke will Berlin zurück an die europäische Spitze für Startups führen. Mit der Initiative ‚Berlin auf die 1‘, kurz BAD1, sagt er der Trägheit den Kampf an. Ein Gespräch über die Magie eines alten Kaufhauses, den innerdeutschen Konkurrenzkampf und warum Berlin endlich eine Sprache sprechen muss, die die Welt versteht.

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Was ist „Berlin auf die 1“, Kampagne, Bewegung oder politisches Projekt?

Keines zu 100 Prozent. In erster Linie wollen wir eine Energie in der Stadt erzeugen, die das Narrativ von „Arm aber sexy“, das noch in vielen Köpfen herumspukt, dreht. Das ist nicht attraktiv, wenn wir die besten Köpfe in die Stadt holen wollen. Daher: erstmal gute Stimmung erzeugen, und gleichzeitig Dinge bewegen. Das wollen wir mit BAD1.

Wenn der Regierende Bürgermeister Kai Wegner Sie besucht, dann kommt er nicht in ein steriles Büro in Mitte, sondern ins Kalle Neukölln. Was hat dieser Ort mit Ihrer Initiative ‚Berlin auf die 1‘ zu tun?

Alles. BAD1 wurde hier geboren, genau genommen bei einem Fahrstuhlgespräch mit Kai Wegner. Das Kalle Neukölln ist nicht nur eine Kulisse, es ist die physische Manifestation dessen, was wir mit BAD1 erreichen wollen. Hier im Haus haben wir die gesamte Wertschöpfungskette der Innovation: Im 1. OG die CODE University mit den klügsten jungen Köpfen, darüber und darunter wir, mit dem The Delta Campus im Kalle, wo wir Ideen in skalierbare Geschäftsmodelle verwandeln. Diese Symbiose aus Lehre, Infrastruktur und unternehmerischer Umsetzung – dieser ‚Bottom-up‘-Spirit – ist die Blaupause für ganz Berlin.

Sie fordern den Spitzenplatz für Berlin. Warum reicht es Ihnen nicht, dass Berlin die deutsche Start-up-Hauptstadt ist?

Weil ‚gut für deutsche Verhältnisse‘ ein Armutszeugnis ist. Es soll nicht abwertend klingen, aber wer sich nur mit München oder Hamburg misst, hat noch nicht ganz verstanden, was in Berlin so alles möglich ist. Wir stehen im Wettbewerb mit London, Paris und Tel Aviv. In den 2010er Jahren, in den Hoch-Zeiten von Rocket Internet, waren wir kurz davor, die Nummer eins in Europa zu werden. Heute liegen wir bei den Investitionen Milliarden hinter London. Wir haben uns ausgeruht und wurden längst rechts überholt. Hier in Berlin haben wir 90.000 IT-Fachkräfte – die höchste Dichte des Kontinents, ein riesiges Potential. Dass wir daraus nicht die Marktführerschaft ableiten, ist eigentlich ein Unding. Deshalb wollen wir zuallererst eine gewisse Energie erzeugen, um vom Image des ‚Failed State‘ wegzukommen.

Wo hakt es konkret, ist es ein Problem des Standorts oder der politischen Führung?

Ein wenig beides. Berlin hat massive strukturelle Nachteile: Wir haben keinen Flughafen mit echter globaler Anbindung, das ist ein riesiges Hindernis für internationale Headquarters. Durch die langen Jahre als Mauerstadt, als geteilte Stadt, fehlt uns zudem das ‚alte Geld‘, die großen industriellen Dynastien, die in München oder Stuttgart sitzen und die ihr Kapital reinvestieren. Aber – und das macht uns besonders: Berlin ist nie wegen der Politik erfolgreich geworden, sondern immer nur trotz ihr. Die Verwaltung wird von Unternehmerinnen und Unternehmern oft als Gegenwind empfunden, wir werden hier meist nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Wir brauchen keine Politiker, die uns die Welt erklären, sondern eine Verwaltung, die uns Steine aus dem Weg räumt.

Unternehmer aus München haben auf Ihre Initiative fast schon allergisch reagiert. Warum dieser Grabenkampf zwischen Spree und Isar?

Wir haben lediglich gesagt: Berlin muss auf die 1 – nicht mehr, nicht weniger. Ein starkes Berlin schadet München nicht, es ist sogar ein Mittel, um ganz Deutschland im internationalen Wettbewerb zu halten. München hatte in den letzten Jahren eine unglaublich positive Entwicklung, dort gibt es eine großartige Verzahnung von Industrie, Startups und Spitzenuniversitäten. Aber Berlin hat etwas, das man dort nicht findet: Dieses Rohe, diese Operator-Execution-Mentalität. Wir sind extrem stark darin, komplexe Geschäftsmodelle weltweit zu skalieren. In der aktuellen KI-Welle wird oft über die Infrastruktur gestritten, also wer das nächste große Sprachmodell baut. Aber die echte Musik spielt bei der globalen Anwendung von KI. Hier kann Berlin der führende Hub werden. Es gibt genügend Investoren, die daran glauben.

Ein zentraler Baustein Ihrer Forderungen ist ein Flaggschiff-Event für Berlin. Warum hat die Stadt kein Startup-Festival von Weltruf?

Weil man in der Berliner Politik lange dachte, coole Partys im Berghain würden als Standortmarketing reichen. Das ist naiv. Formate wie das Slush in Helsinki oder VivaTech in Paris sind diplomatische Schwergewichte, die massiv staatlich gefördert werden. Wenn die Top-Investoren der Welt nicht nach Berlin kommen, investieren sie woanders. Wir brauchen diesen einen Leuchtturm, diesen einen Moment im Jahr, an dem die Welt sieht: Hier passiert die KI-Revolution. Das ist essenzielle Industriepolitik, kein reines Vergnügen.

Sie planen im Mai einen großen Hackathon. Was versprechen Sie sich davon?

Nicht nur einen Hackathon. Wir hatten bereits einen Workshop mit über 60 Teilnehmern und im Juni eine weitere Konferenz. Wir wollen zeigen, dass wir nicht nur fordern, sondern liefern. Beim Hackathon bringen wir die klügsten jungen Köpfe zusammen, um Lösungen aus der Community für reale Schmerzpunkte der Stadt zu bauen. Das sind beispielsweise technische Workarounds, um die englische Sprache in der Verwaltung zu etablieren. Aber auch das Thema Housing, also die Wohnungsnot, steht auf unserer Agenda. Wir wollen Software-Prototypen entwickeln, die zeigen: So einfach könnte es gehen, wenn man die Macher-Mentalität der Startup-Szene auf städtische Probleme anwendet. Wir bieten der Stadt unsere Expertise an. Und die Folgen solcher Events sind fast nicht quantifizierbar.

Wie wichtig ist die Nähe zwischen Studium und Praxis für BAD1?

Sehr wichtig, das sehen wir auch jeden Tag bei uns im Kalle. Ein Student der CODE kann morgens in der Vorlesung sitzen und nachmittags bei uns im The Delta Campus an einem echten Projekt arbeiten. Das ist genau das Ökosystem, das wir brauchen. BAD1 ist die Antwort auf die Frage, wie wir diese Energie aus Neukölln in die gesamte Stadt tragen. Wir wollen keine Elfenbeintürme, wir wollen Werkstätten. Das Kalle ist unser Beweisstück A: Es funktioniert.

Sie sind in Berlin aufgewachsen, Sie haben tiefe Wurzeln in der Stadt. Was treibt Sie persönlich an, sich so weit aus dem Fenster zu lehnen?

Meine Wurzeln sind hier. Mein Urgroßvater war Pfarrer in der Hohenzollernkirche, mein Großvater war zunächst Busfahrer und hat nach dem Krieg die BVG mit aufgebaut. Ich liebe diese Stadt für ihre Brüche und ihre Direktheit. Aber es macht mich wütend, wenn ich sehe, wie wir Talente verlieren, weil die Visa-Verfahren zu langsam sind oder das Bürgeramt nur auf Deutsch kommuniziert. Ich will nicht, dass Berlin ein Freilichtmuseum der verpassten Chancen wird. Ich sehe mich dabei auch nicht als Aktivist, sondern als Unternehmer mit einer gewissen Pflicht. Wir können nicht nur Steuern zahlen und hoffen, dass die Politik es richtet. Wir müssen selbst den Finger in die Wunde legen.

Wenn Sie drei Hebel sofort umlegen könnten – was würde morgen in Berlin passieren?

Erstens: Amtssprache Englisch für alle Wirtschaftsprozesse. Wer globale Talente will, darf sie nicht mit Formularen in Beamtendeutsch abschrecken. Zweitens: Eine Radikalkur für die Verwaltung – digitale Prozesse, die den Namen verdienen. Drittens: Ein massiver Fokus auf KI-Anwendungen. Wir müssen aufhören, über Regulierung zu diskutieren, bevor wir überhaupt das erste Weltklasse-Produkt gebaut haben.

Und wo steht BAD1 realistisch in zwölf Monaten?

Wenn in einem Jahr unsere Kernforderungen im Koalitionsvertrag stehen und die Politik verstanden hat, dass sie die Startup-Szene als Partner und nicht als Bittsteller begreifen muss, dann sind wir einen riesigen Schritt weiter. Der Erfolg von BAD1 wird sich daran messen, ob diese Macher-Mentalität im Roten Rathaus angekommen ist und es einen permanenten Draht zwischen allen Beteiligten gibt. Wenn die Menschen in einem Jahr sagen: ‚In Berlin bewegt sich endlich wieder was‘, dann sind wir unserem Ziel ein gutes Stück näher. Letztendlich geht es darum, langfristig mehr Unternehmer nach Berlin zu bekommen. Und ich bin mir sicher, dass uns das als Community gelingt.

Gibt es einen Punkt, an dem Sie Tel Aviv, London und Paris das Feld überlassen und sagen: ‚Berlin ist unrettbar‘?

Nein. Berlin ist unzerstörbar. Wir sind vielleicht manchmal langsam und chaotisch, aber wir haben eine Resilienz, die keine andere Stadt hat. Wir werden auf die 1 kommen. Nicht automatisch, sondern weil wir gar nicht daran denken, aufzuhören. Und weil die Menschen in dieser Stadt es möglich machen werden.

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