Digitalisierung gilt als Voraussetzung für handlungsfähige Städte, doch im europäischen Vergleich bleibt Deutschland zurück. Was bedeutet das für die Krisenfestigkeit von Kommunen bei Stromausfällen, Extremwetter oder Cyberangriffen? Dr. Aurel von Richthofen, Leiter Digital Cities bei Arup, erklärt im Interview, warum Resilienz nicht mit Rankings beginnt, welche Rolle belastbare Daten spielen und wie ein digitaler Stresstest Städten hilft, Risiken systematisch sichtbar zu machen, bevor sie zur Krise werden.
IMMOBILIEN AKTUELL (IA): Deutschland liegt im Digital Economy and Society Index der Europäischen Union zur Digitalisierung weit hinten. Was bedeutet das konkret für die Krisenfähigkeit unserer Städte: Sprechen wir von Verzögerungen oder von echter systemischer Verwundbarkeit?
Dr. Aurel von Richthofen (AvR): Deutschland liegt im Digital Economy and Society Index von 2022 im Mittelfeld und kann vor allem im Bereich Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung Fortschritte vorweisen, die nicht zuletzt durch das Onlinezugangsgesetz forciert wird. Im Kontext von Resilienz können digitale Anwendungen helfen, langfristige Prozesse zu erkennen und zu steuern. Hier setzt der digitale Stresstest für Städte, den wir im Auftrag des BBSR entwickelt haben, an. Der Stresstest stellt die Robustheit und Anpassungsfähigkeit von Städten und Gemeinden dar. Der Stresstest erstellt keine Rankings. Stattdessen analysiert er amtliche Daten und zeigt, dass alle Kommunen krisenfähig sind. Daseinsvorsorge ist eine zentrale Aufgabe von Städten: Es geht darum, aus Krisen gestärkt hervorzugehen.
IA: Viele Kommunen treffen Entscheidungen ohne belastbare Daten. Welche Folgen hat dieser Blindflug im Ernstfall, etwa bei Stromausfällen, Hitzewellen oder Cyberangriffen?
AvR: Kommunen tragen eine große Verantwortung und ich glaube nicht, dass sie Entscheidungen im Blindflug treffen. Um sie zu unterstützen, haben wir einen niederschwelligen, datenbasierten Stresstest entwickelt. Er bündelt amtliche Informationen auf kommunaler Ebene und erstellt daraus eine quantitative Bewertung der Robustheit. So erhalten Städte und Gemeinden ein Werkzeug, mit dem sie vorausschauend und evidenzbasiert handeln können.
IA: Der von Arup entwickelte Städte-Stresstest macht Risiken sichtbar. Welche typischen Schwachstellen treten bei deutschen Städten am häufigsten auf und warum tauchen sie überall wieder auf?
AvR: Der digitale Stresstest für Städte erstellt eine Resilienzprofil aus Robustheit und Anpassungsfähigkeit gegenüber zwölf urbanen Stressszenarien. Dabei geht es nicht um eine klassische Risikoanalyse. Städte und Gemeinden können sich über das Resilienzprofil einen Eindruck verschaffen, wo eine geringe Robustheit durch kontinuierliche Anpassungsmaßnahmen ausgeglichen werden kann. Viele Kommunen sehen Nachbesserungsbedarf bei der fachämterübergreifenden Kommunikation, denn urbane Resilienz ist ein Querschnittsthema, das nicht im Silo angegangen werden kann.
IA: Der Stresstest wird wie erstellt?
AvR: Der Stresstest ist ein Monitoringtool für urbane Resilienz. Auf Basis von amtlichen Daten aus über 100 öffentlichen Quellen berechnet er die quantitative Robustheit gegenüber zwölf Stressszenarien. Ergänzend dazu haben wir gemeinsam mit elf Testkommunen über 150 Fragen entwickelt, um die qualitative Anpassungsfähigkeit zu erfassen. Um den Stresstest sinnvoll nutzen zu können, ist es unabdingbar, dass Kommunen diese Fragen sorgfältig beantworten, vor allem da viele Fragen nur fachübergreifend beantwortet können und so mehrere Fachämter miteinander arbeiten müssen. Zusammen bilden die quantitative Robustheit und qualitative Anpassungsfähigkeit das individuelle Resilienzprofil der Kommune. Dieses Profil ist kein starres Ergebnis. Da es sich um einen Prozess handelt, den die Städte initiieren, können verbesserte Maßnahmen die Werte zur Anpassungsfähigkeit verbessern.
IA: Wer trägt heute die Verantwortung für Resilienzentscheidungen in Städten oder ist genau diese Verantwortungsfrage in Deutschland ungeklärt?
AvR: Die Verantwortung ist aus guten Gründen verteilt. Das Fachwissen zu einzelnen Stressszenarien kommt von Expertinnen und Experten. Die Entscheidungen sind an politische Strukturen gebunden. Resilienzfragen stellen sich auch unabhängig von akuten Krisen täglich. Die elf Testkommunen, die in die Entwicklung des Stresstests co-kreativ eingebunden waren, hatten sehr klare Entscheidungsstrukturen mit klaren Verantwortlichkeiten. Resilienz erfordert aber auch den Willen zur Veränderung. Dieser Wille muss von der Öffentlichkeit formuliert und getragen werden. Hier setzt der Stresstest an: Als internes und externes, datengestütztes Kommunikationsinstrument bietet er Orientierung und schafft eine transparente Grundlage für gemeinsame Entscheidungen.
IA: Resilienz erfordert Daten. In vielen Städten gibt es aber weder zentrale Datenstrategien noch klare Zuständigkeiten. Was verhindert derzeit ein professionelles Risikomanagement?
AvR: Wesentliche Daten sind im Stresstest für Städte niederschwellig verfügbar. Aus ihnen lassen sich belastbare Informationen ableiten. Digitalisierung, auch der Kommunen, ist ein fortlaufender Prozess, der nie abgeschlossen sein wird. Gerade der föderale Ansatz in Deutschland trägt dazu bei, dass innovative und praxisnahe Werkzeuge entstehen, die Kommunen bei ihrer Resilienz unterstützen.
IA: Ein großer Teil kritischer Infrastruktur liegt in privater Hand, etwa Energie, Telekommunikation oder Betreiber von Rechenzentren. Wie groß ist die Gefahr, dass Stadtresilienz am wirtschaftlichen Eigeninteresse Einzelner scheitert?
AvR: Auch die privaten Betreiber städtischer Infrastruktur haben ein klares Interesse daran, dass Systeme zuverlässig und resilient funktionieren. Gleichzeitig dürfen Städte sich nicht in Abhängigkeit von einzelnen Anbietern begeben. Vielfalt und Kooperation sind wesentliche Aspekte, um handlungsfähig zu bleiben und Lösungen für komplexe Herausforderungen zu entwickeln.
IA: Vorsorge ist unpopulär, weil sie Kosten erzeugt, bevor Schaden sichtbar wird. Wie schafft man in deutschen Kommunen Entscheidungsbereitschaft ohne Katastrophendruck?
AvR: Sachliche, datenbasierte Kommunikation ist entscheidend. Die kommunalen Resilienzprofile schaffen die Grundlage, um über urbane Resilienz zu sprechen, bevor eine Katastrophe eintritt. Viele Anpassungsmaßnahmen bieten Synergien und sind oft kostengünstiger, als man denkt. Das gilt insbesondere, wenn man die zusätzlichen Leistungen berücksichtig, die sie erbringen. Naturbasierte Ansätze wie die Schwammstadt und Renaturierung sind dafür gute Beispiele. Sie schützen vor Extremwetter und verbessern zeitgleich die Lebensqualität in unseren Städten.
IA: Welche drei Maßnahmen müssten Kommunen innerhalb der nächsten zwölf Monate verpflichtend einführen, um nicht weiter im Risiko zu verharren?
AvR: Der Stresstest entfaltet seine volle Wirkung, wenn Städte ihn fachämterübergreifend durchführen. Die Resultate sollten im Anschluss öffentlich diskutiert werden. Daraus entstehen dann neue oder verbesserte Maßnahmen. Beteiligung ist dabei ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Urbane Resilienz lebt vom Dialog zwischen Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit.
IA: Ist Resilienz planbar oder wird Deutschland erst nach dem ersten Blackout oder einem großflächigen IT-Ausfall handeln?
AvR: Resilienz ist erlernbar und planbar. Viele Kommunen gehen vorausschauend und verantwortungsvoll vor. Resilienz verbessert die Fähigkeit auf Krisen zu reagieren und daraus gestärkt hervorzugehen. In unserer vernetzten und beschleunigten Welt, werden sich unsere Kommunen noch mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert sehen. Umso wichtiger ist es, frühzeitig Tools wie den Stresstest für Städte zu nutzen. So können Städte und Gemeinden ihre Resilienz kontinuierlich weiterentwickeln und verbessern.


