Wie eine ostdeutsche Großstadt im Städteranking der „Wirtschaftswoche“ nach vorn schießt – und warum Dresden trotzdem der stille Gewinner bleibt.
Halle (Saale) gehört plötzlich zur ersten Liga der deutschen Städte. Im aktuellen Städteranking der „Wirtschaftswoche“ schafft es die Stadt unter die Top 10, schießt im Infrastrukturvergleich auf Rang 6 und legt auch bei Dynamik und wirtschaftlichem Niveau deutlich zu. Für eine Kommune, die lange im Schatten der „vermeintlichen Stars“ stand, ist das mehr als nur ein Achtungserfolg: Es ist ein Signal, dass die tektonischen Platten in der deutschen Städtelandschaft in Bewegung geraten.
Halle: Aufsteiger mit Fundament
„Das ist ein tolles Ergebnis für unsere Stadt“, sagt Oberbürgermeister Alexander Vogt. Das Zitat ist nicht nur protokollarische Pflicht, es bringt die Stimmung in Halle auf den Punkt: Die Saalestadt wird im Städteranking nicht als Zufallsgewinner dargestellt, sondern als Standort, der sich in mehreren für Investoren und Einwohner entscheidenden Dimensionen gleichzeitig verbessert hat. Denn der Sprung auf Rang 6 im Infrastrukturindex ist kein kosmetischer Effekt, sondern Ergebnis eines langen Marschs: Mehr als 30 Plätze gutzumachen, bedeutet, dass sich Halle in kurzer Zeit in einer ganzen Reihe von Kennziffern neu positioniert hat, von Bildung und Betreuung über Verkehr und Digitalisierung bis hin zu Klima- und Energiefragen.
Besonders deutlich zeigt sich der Wandel im Bereich Bildung und Betreuung. Halle landet im Vergleichszeitraum 2019 bis 2024 auf Platz 1 bei den Kitaplätzen, erreicht Rang 8 beim Anteil betreuter Kinder unter drei Jahren und Rang 3 bei der Betreuung der Drei- bis Sechsjährigen. Eine solche Kombination ist in Deutschland selten: Während viele Wachstumsstädte mit knapper sozialer Infrastruktur kämpfen, inszeniert sich Halle als Stadt, in der Zuzug und Familienfreundlichkeit zusammengehen.
Auch bei der Lebensqualität arbeitet sich Halle aus Klischees heraus. Platz 1 bei der durchschnittlichen Lebenserwartung Neugeborener ist ein Wert, der in der Wahrnehmung ostdeutscher Städte bis vor wenigen Jahren kaum vorstellbar war. Hinzu kommen eine wachsende Wohnfläche pro Kopf (Platz 5 bei der Entwicklung) und ein weiterhin vergleichsweise entspanntes Niveau auf dem Immobilienmarkt: Platz 62 bei den Kaufpreisen für Eigentumswohnungen und Rang 69 beim Anteil der Wohnkosten am Einkommen signalisieren, dass es hier – anders als in vielen Metropolen – noch Spielraum für bezahlbares Wohnen gibt.
Auf dem Arbeitsmarkt sticht Halle gleich mehrfach heraus. Die Stadt belegt Platz 2 bei der Arbeitsplatzversorgung – und liegt damit nur hinter Münster. Das bedeutet: Es gibt mehr sozialversicherungspflichtige Jobs pro Einwohner als in fast allen anderen Großstädten, ein entscheidender Indikator für wirtschaftliche Stabilität. Zugleich meldet Halle eine niedrige Jugendarbeitslosigkeit (Platz 7 bei den 15- bis 25-Jährigen). Für Unternehmen, die Fachkräfte binden wollen, ist das ein starkes Signal, dass der Nachwuchs vor Ort bleibt oder sogar zuzieht.
Die wirtschaftliche Dynamik spiegelt sich in weiteren Kennziffern: Halle erreicht Rang 11 bei der Gründungsdynamik – gemessen am Saldo aus Gewerbean- und -abmeldungen. Das deutet darauf hin, dass die Stadt nicht nur bestehende Strukturen verwaltet, sondern zunehmend unternehmerische Aktivität anzieht. Hinzu kommt eine beachtliche Forschungsbasis: Platz 14 bei der Zahl der MINT-Forschungsinstitute rückt Halle in die Nähe jener Wissenschaftsstandorte, die lange als uneinholbar galten. Und der Wanderungssaldo junger Menschen (Rang 17 in der Altersgruppe 18 bis unter 25 Jahre) zeigt, dass diese Infrastruktur auch tatsächlich Bindungskraft entfaltet. Im Gesamtergebnis schlägt sich dieser Strukturwandel in allen drei Hauptindizes nieder. Im Dynamikranking verbessert sich Halle auf Platz 21 und gewinnt sieben Ränge hinzu. Das belegt, dass zentrale Wirtschafts- und Arbeitsmarktdaten über fünf Jahre hinweg im Aufwind sind. Im Niveauranking, das die aktuellen Ist-Werte etwa von Arbeitslosigkeit und ökonomischer Leistungsfähigkeit vergleicht, klettert die Stadt auf Platz 50 – ein Plus von elf Plätzen. Noch ist Halle kein klassischer Hochglanzstandort, aber der Abstand zur Spitzengruppe schrumpft sichtbar.
Dresden: Solider Vorlauf, anderes Profil
Wer nach Mitteldeutschland blickt, kommt an Dresden nicht vorbei. Die Elbmetropole stand bereits in früheren Ausgaben des Städterankings deutlich besser da als Halle und gilt vielen seit Jahren als wirtschaftliches Schwergewicht im Osten – nicht zuletzt wegen der Halbleiterindustrie und einer starken Forschungslandschaft. Während Halle nun spektakuläre Sprünge macht, startet Dresden von einem anderen Niveau. Die Stadt gehörte in früheren Rankings vor allem im Niveauranking zur erweiterten Spitzengruppe und profilierte sich mit hoher Produktivität, überdurchschnittlichen Einkommen und einem vergleichsweise diversifizierten Branchenmix. Damit unterscheidet sich Dresden in seiner Struktur eher von der Aufholerrolle Halles und spielt näher an den klassischen Gewinnern im Süden.
Der Vergleich der beiden Städte zeigt aber: Halle beginnt, in genau jene strategischen Felder vorzurücken, die Dresden bislang stark gemacht haben – Bildung, Forschung, Arbeitsmarktintegration und Lebensqualität. Während Dresden seit Jahren vom Image als Hightech?Standort profitiert, bringt Halle nun harte Daten in Stellung, die das bisherige Gefälle relativieren. Aus Sicht von Investoren und Projektentwicklern entsteht damit ein interessantes Spannungsfeld. Dresden bleibt der etablierte Markt mit hoher internationalen Sichtbarkeit, tiefem Ökosystem aus Forschung und Industrie und einer bereits stark durchkapitalisierten Immobilienlandschaft. Halle dagegen bietet Wachstumsstory, vergleichsweise niedrige Einstiegspreise und eine zunehmend belastbare Infrastruktur – also genau das Profil, das in einem Umfeld knapper Renditen und hoher Baukosten attraktiv werden kann.
Für die Region hat diese Entwicklung Konsequenzen. Mitteldeutschland lässt sich immer weniger in eine Leitstadt mit „Anhängen“ aufteilen. Stattdessen entsteht ein polyzentrischer Raum, in dem Halle, Dresden, Leipzig und weitere Städte jeweils eigene Schwerpunkte setzen und im Städteranking unterschiedliche Stärken ausspielen. Dresden behauptet seinen Status als Technologiemetropole, Halle aber rückt als kombinierter Bildungs?, Arbeitsmarkt? und Lebensqualitätsstandort näher heran – und macht damit auch politischen und wirtschaftlichen Druck, Standortentscheidungen nicht mehr automatisch zugunsten der bekannteren Adresse zu treffen.
Das Ranking: Verschiebungen im deutschen Städtesystem
Das Städteranking der „Wirtschaftswoche“ ist längst mehr als eine Spielwiese für Statistikfreunde. Die Methodik ist so angelegt, dass sie eine Art Seismograph für Verschiebungen im deutschen Städtesystem bildet. Bewertet werden 71 kreisfreie Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern in drei Hauptkategorien: Infrastruktur, Niveau und Dynamik. Der Infrastrukturindex vergleicht 18 Indikatoren aus den Bereichen Bildung und Forschung, Verkehr, Klima und Energie sowie Digitalisierung. Damit rückt er jene Ressourcen in den Fokus, die langfristig über die Wettbewerbsfähigkeit einer Stadt entscheiden: Gibt es ausreichend Kita? und Schulplätze? Wie gut ist der ÖPNV, wie zuverlässig die Verkehrsanbindung? Wie modern ist die digitale Infrastruktur, wie ambitioniert die Klimapolitik? Das Niveauranking hingegen betrachtet aktuelle Ist?Werte: Arbeitslosigkeit, Pro-Kopf-Einkommen, Steuerkraft, wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Hier schneiden traditionell jene Städte gut ab, die bereits über einen etablierten Unternehmensmix, starke Leitbranchen und hohe Produktivität verfügen.
Das Dynamikranking bewertet schließlich Veränderungsraten über einen Fünfjahreszeitraum. Mit 40 Prozent fließt der Arbeitsmarkt ein, mit 30 Prozent die Wirtschaftsstruktur, mit 20 Prozent der Immobilienmarkt und mit 10 Prozent die Lebensqualität. Dieses Raster belohnt Städte, die in Bewegung sind, auch wenn sie beim absoluten Niveau noch Aufholbedarf haben. Für Newcomer wie Halle ist das ein Hebel, mit dem sie sichtbar werden, bevor das GDP je Einwohner oder die Steuerkraft endgültig mit den traditionellen Spitzenreitern gleichzieht.
Im Zusammenspiel dieser drei Perspektiven entsteht ein differenziertes Bild:
- Klassische Gewinnerstädte verteidigen ihre Top?Positionen im Niveauranking, geraten aber in Dynamik und Infrastruktur unter Druck, wenn sie Investitionen verschleppen oder der Wohnungsmarkt überhitzt.
- Aufsteiger wie Halle punkten zunächst bei Infrastruktur und Dynamik, holen bei den Ist?Werten auf und verkürzen so Stück für Stück den Abstand zur Spitzengruppe.
- Problemstädte verlieren sowohl an Dynamik als auch bei der Infrastruktur, geraten in einen Teufelskreis aus schwachem Arbeitsmarkt, geringeren Investitionen und abnehmender Attraktivität für Zuziehende.
Das aktuelle Städteranking bestätigt damit einen Trend, der die deutsche Stadtlandschaft in den kommenden Jahren prägen dürfte: Neben den etablierten Champions im Süden und in einzelnen Metropolen rücken mittlere und lange unterschätzte Städte nach, die strategisch in Bildung, Betreuung, Forschung und Daseinsvorsorge investieren – und dies mit einer relativ entspannten Wohnkostenquote kombinieren. Für Halle (Saale) ist das Ergebnis mehr als eine schöne Schlagzeile. Es ist ein strategisches Pfund im Wettbewerb um Fachkräfte, Fördermittel und private Investitionen. Für Dresden ist es ein Signal, dass die regionale Konkurrenz stärker wird – und dass selbst im erfolgreichen Mitteldeutschland kein Standort seinen Vorsprung als gesetzt betrachten kann. Und für die bundesweite Debatte zeigt das Ranking: Das Narrativ der „abgehängten Ost?Städte“ trägt immer weniger. Wer heute auf Karten der wirtschaftlichen Zukunftsfähigkeit schaut, findet neue Sterne, die früher kaum jemand auf dem Zettel hatte – einer davon leuchtet nun über der Saale.


