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In Dresden entsteht das erste Haus aus Kohlenstoff

Bis Ende 2020 wird in der Elbmetropole unweit des Hauptbahnhofs das weltweit erste Gebäude errichtet, das aus dem innovativen Baustoff Carbonbeton besteht. Als Versuchs- und Forschungsgebäude soll es dabei helfen, das Bauen zu revolutionieren.

Bis Ende 2020 wird in der Elbmetropole unweit des Hauptbahnhofs das weltweit erste Gebäude errichtet, das aus dem innovativen Baustoff Carbonbeton besteht.
Von REDAKTION IMMOBILIEN AKTUELL MAGAZIN / MATTHIAS KLÖPPEL, 18.12.2019

Frauenkirche, Semperoper, Residenzschloss, Zwinger, Albertinum und und und: Sachsens Landeshauptstadt ist reich an außergewöhnlichen Bauwerken, die mitunter ihresgleichen in der Welt suchen. Bald könnte ein weiteres Gebäude dieser Kategorie hinzukommen. Ein Gebäude, das im Vergleich dazu äußerlich futuristisch wirken mag, in seinem tiefsten Inneren jedoch ebenso als globales Novum beeindruckt: Das erste Haus, das komplett aus Carbonbeton besteht. Bis Ende 2020 wird das „CUBE“ unweit des Dresdner Hauptbahnhofs als Versuchs- und Forschungsgebäude errichtet – und soll dabei helfen, das Bauen zu revolutionieren.

Carbonbeton bietet immenses Potential

In Deutschland ist stahlbewehrter Beton, kurz  Stahlbeton, der wichtigste Baustoff. Doch der darin verbaute Stahl hat einen entscheidenden Nachteil: Er rostet. Ein Makel, der auf sein mit Kohlenstofffasern bewehrtes Pendant nicht zutrifft. Carbonbeton hat Eigenschaften, die sich sehen lassen können. Er:

  • ist widerstandsfähiger und zugleich beständiger als Stahlbeton, da er nicht korrodiert
  • das in ihm verbaute Carbon ist viermal leichter und bis zu sechsmal tragfähiger
  • lässt filigrane Formen und vielfältige Einsatzbereiche zu
  • ermöglicht bei der Herstellung gut 50 Prozent Materialeinsparung und reduziert so Energieverbrauch und CO2-Ausstoß

In Bezug auf Leichtigkeit und Ästhetik könnte sich der Betonbau in Zukunft stark wandeln. Bauexperten schwärmen schon jetzt von schwungvollen Fassaden oder extravaganten Balkonen, die mittels Carbonbeton kreiert werden könnten. Zudem lässt sich die Lebensdauer von Gebäuden, Brücken und Masten deutlich verlängern, wenn auf die Außenhülle eine dünne Schicht des grauen Werkstoffs aufgetragen wird.

Über Nacht zum Superstar

Wesentlichen Anteil an der Entwicklung von Carbonbeton hat die TU Dresden. Im Jahr 2016 erhielten drei Wissenschaftler um Professor Manfred Curbach, Direktor des Instituts für Massivbau, dafür den Deutschen Zukunftspreis. Professor Dr.-Ing. Manfred Curbach,
 Direktor des Instituts für Massivbau an der TU Dresden. Copyright: Stefan Gröschel.

Die prestigeträchtige Auszeichnung gab der Technologie den entscheidenden Anstoß bei der Etablierung der innovativen Bauweise auf dem Markt. „Carbonbeton hat sich über Nacht zum Superstar unter den bisherigen Baustoffen entwickelt“, erinnert sich Professor Manfred Curbach. Mittlerweile sei das Material „ein Megatrend des 21. Jahrhunderts“, so die Einschätzung des Wissenschaftlers. Nicht von ungefähr bezieht sich Sachsens neue Regierung in ihrem Koalitionsvertrag auf den Einsatz von Carbonbeton, um die Ressourceneffizienz deutlich zu erhöhen.

Zehn Monate Bauzeit

Für die Errichtung des Dresdner „CUBE“ steht der Fahrplan. Die ersten Bagger nehmen nach aktuellem Stand im März 2020 auf dem Areal zwischen Einsteinstraße 12 und Zelleschem Weg 1 ihre Arbeit auf. Wer den Zuschlag dafür erhält, entscheidet sich bis Mitte Februar. Rund sechs Wochen später ist bereits die feierliche Grundsteinlegung geplant. Die Fertigstellung erfolgt bis Ende 2020, im darauffolgenden Frühjahr soll das zweistöckige Gebäude eingeweiht werden. Finanziell unterstützt wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Das „CUBE“ besteht hauptsächlich aus zwei Teilen. Die Verantwortlichen nennen sie TWIST und BOX. Bei den TWIST-Elementen handelt es sich um zwei symmetrisch angeordnete, doppelt-gekrümmte Schalen, die sich aus der Wand heraus in ein Dach hinein verdrehen. BOX ist ein würfelartiger Baukörper aus Fertig- und Halbfertigteilen. Hinzu kommt eine Stahlkonstruktion mit Glasfassade, die viel Tageslicht ins Gebäudeinnere fallen lässt.

Visualisierung Carbonbeton-Haus Dresden. Copyright: TU Dresden, Institut für Massivbau.Visualisierung Carbonbeton-Haus Dresden. Copyright: TU Dresden, Institut für Massivbau.Visualisierung Carbonbeton-Haus Dresden. Copyright: TU Dresden, Institut für Massivbau.Visualisierung Carbonbeton-Haus Dresden (Innen). Copyright: TU Dresden, Institut für Massivbau.Visualisierung Carbonbeton-Haus Dresden (Innen). Copyright: TU Dresden, Institut für Massivbau.

Revolutionär an der Bauweise ist, so Manfred Curbach, „dass die TWIST-Sandwich-Schalenkonstruktion, die Dach- und Wandflächen sowie ‚alles dazwischen‘ vor Ort in Spritzbeton-Bauweise hergestellt werden.“ Weiterhin sei die vollautomatisierte Herstellung der Wandbauteile im Fertigteilwerk aus Carbonbeton neuartig in der Verwendung des Baustoffs.

Testlabor und Repräsentationsstätte

Im Ganzen bietet der fertige Neubau eine Fläche von circa 220 Quadratmetern. Vorgesehen sind Labor-, Test- und Technikräume, ein Veranstaltungsraum für etwa 20 Personen sowie sanitäre Einrichtungen. Ziel ist die Erprobung der innovativen Carbonbeton-Bauweise, die Langzeittauglichkeit des Materials aus baukonstruktiver, statischer und bauphysikalischer Sicht soll maßgeblich erforscht werden. Ebenso dient das „CUBE“ als Repräsentationsstätte, die mit Vorträgen und Ausstellungsobjekten auf die Vorteile von Carbonbeton aufmerksam machen soll.

Manfred Curbach betont: „Das Dresdner Carbonbeton-Haus wird schon jetzt den zukünftigen Anforderungen an hochmoderne, energie- und materialeffiziente sowie nachhaltige Gebäude gerecht.“ 

Foto: Visualisierung „CUBE“. Copyright: TU Dresden, Institut für Massivbau

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