Kommentar: Debattenfolklore für Innenstadtromantik

Kommentar: Debattenfolklore für Innenstadtromantik

Kommentar: Debattenfolklore für Innenstadtromantik
Gibt man der KI den Text, macht sie das daraus. Quelle: Chat GPT

Der Handelsverband Deutschland und der Deutsche Städtetag haben ein neues Papier zur Zukunft der Innenstädte veröffentlicht. Beim Lesen stellt sich allerdings schnell eine andere Frage: Wie viele Workshops, Abstimmungsrunden, Beteiligungsprozesse waren notwendig, um erneut bei denselben Schlagworten zu landen? Aufenthaltsqualität, Multifunktionalität, Begegnung, Resilienz, Teamwork oder Experimentierkultur. Vieles davon klingt vertraut, manches beinahe austauschbar. Der Erkenntnisgewinn bleibt überschaubar. Ein Kommentar.

Agentur

Die fünf Maßnahmen des Deutschen Städtetags und des Handelsverbands Deutschland lesen sich vor allem wie die Zusammenfassung einer Debatte, die seit Jahren im Kreis läuft. Kommunen sollen finanziell handlungsfähig werden, Umnutzungen einfacher private Investitionen gestärkt werden. Natürlich engagiert sich auch der Bürger. Das Problem: Genau darüber spricht die Immobilienwirtschaft schon lange, auch mit den Verwaltungen. Der Erkenntniswert dieses „Impulspapiers“ liegt ungefähr auf dem Niveau der Feststellung, dass Wasser bei 100 Grad kocht. Warum wirken diese fünf Thesen wie kommunalpolitisches Bullshitbingo in Reinform? Weil mal wieder Begriffswärme und Wohlfühlvokabeln gegen eine ökonomische Realität stehen. „Gesellschaftliche Belebung“, „Mitmachinitiative“, „Experimentierkultur“ oder „Identifikation fördern“ klingen hervorragend, verlieren aber jeden Bezug zur tatsächlichen Lage vieler Städte. Das KfW-Kommunalpanel 2025 spricht von einem Investitionsrückstand der Kommunen von 215,7 Milliarden Euro, einem Rekordwert. Gleichzeitig bewerten neun von zehn Kommunen ihre Zukunftsaussichten pessimistisch. Hinzu kommen laut Statistischem Bundesamt kommunale Schulden von rund 343,8 Milliarden Euro. Allein diese Zahlen zeigen die Absurdität vieler Innenstadtdebatten. Während vielerorts kaum noch Geld für Schulen, Straßen oder Verwaltungsdigitalisierung vorhanden ist, produziert Deutschland weiter Papiere voller politischer Romantik über „lebendige Zentren“, als ließe sich Strukturwandel mit etwas Nutzungsmischung, Beteiligungskultur und neuen Leitbildern umsetzen.

Besonders absurd wird es dort, wo die Vorschläge anfangen, in Richtung „Mitmachinitiative“ und „gesellschaftliche Belebung“ abzudriften. Als würde eine bundesweite Beteiligungskampagne plötzlich Leerstände beseitigen, Frequenz zurückbringen oder Problemimmobilien wirtschaftlich machen. Die Realität vieler Innenstädte sieht deutlich härter aus: wegbrechende Handelsmodelle, Eigentümer mit Sanierungsstau, kaum kalkulierbare Umbaukosten und Investoren, die sich inzwischen dreimal überlegen, ob sie innerstädtische Projekte überhaupt noch anfassen.

Wie stark sich die Debatte inzwischen von den realen Problemen vieler Städte entfernt hat, zeigt auch ein Blick in das parallel erschienene „Städtetag aktuell“. Dort wird unter anderem die neue Stadtmarke Leipzigs präsentiert, als Beispiel dafür, wie wichtig Markenarchitektur und strategische Kommunikation inzwischen seien. Unerwähnt bleibt allerdings, dass genau dieses Rebranding monatelang Diskussionen auslöste, weil sich viele Menschen vor allem eine Frage stellten: Müssen für minimale optische Veränderungen wirklich Hunderttausende Euro ausgegeben werden? Nicht einmal die übliche Geschmacksfrage über Logos stand im Mittelpunkt, weil der Unterschied zum bisherigen Auftritt für viele kaum erkennbar war. Genau daraus entstand der Eindruck, dass hier ein erheblicher Aufwand betrieben wurde, um minimale gestalterische Korrekturen als strategischen Neustart zu verkaufen. Man könnt es auch Verwaltungsdesign im Endstadium nennen.

Dabei zeigt selbst das Heft unfreiwillig, wie weit sich viele Innenstädte bereits vom klassischen Handel entfernt haben. Die interessantesten Beispiele sind ausgerechnet jene Projekte, bei denen Handel nur noch eine Nebenrolle spielt. In Recklinghausen wird ein ehemaliges Warenhaus mit Pflege, Kita, Hotel, Wohnen, Gastronomie und Dienstleistungen gefüllt. In Fulda ziehen Volkshochschule, Eventflächen und Pop-up-Konzepte in frühere Handelsimmobilien ein. In Bochum sollen Bibliothek, Volkshochschule und Hochschulangebote neue Frequenz erzeugen. Das ist keine Rückkehr des stationären Handels. Es ist das stille Eingeständnis, dass viele Innenstädte ohne öffentliche oder teilsubventionierte Nutzungen kaum noch stabilisierbar sind.

Die Realität sieht deutlich härter aus, als viele Strategiepapiere suggerieren. Nicht jede Innenstadt wird sich revitalisieren lassen, nicht jede Fußgängerzone bleibt Handelsstandort, nicht jede Immobilie kann wirtschaftlich transformiert werden. Manche Lagen verlieren dauerhaft an Bedeutung, manche Gebäude sind ökonomisch faktisch abgeschrieben. Diese Debatte wird jedoch konsequent vermieden. Stattdessen produzieren der Deutsche Städtetag und der Handelsverband Deutschland weiter neue Leitbilder mit immer neu-alten Begriffen. Innenstadtromantik im PDF-Format und Debattenfolklore vom Feinsten.

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