polis Convention: Neue Horizonte, alte Hürden

polis Convention: Neue Horizonte, alte Hürden

polis Convention: Neue Horizonte, alte Hürden
Quelle: Ivette Wagner

Die polis Convention stand in diesem Jahr unter dem Motto „NEUE HORIZONTE – see you tomorrow“. In Düsseldorf wurde dabei nicht nur über Projekte, Baukosten und Innenstadtentwicklung diskutiert, sondern auch über Gemeinwohl, politische Verantwortung und die Frage, warum viele angekündigte Instrumente der Branche bis heute nicht in der Praxis angekommen sind. Erstmals präsentierte sich auch NEW bauhaus auf der Messe.

Agentur

 

„Wir wollen der Ort sein, an dem Begegnung stattfindet und den Geist für größere Fragen öffnen.“ Mit diesem Anspruch beschrieb Prof. Dr. Johannes Busmann, Geschäftsführer der polis Convention GmbH, die diesjährige Ausgabe der Messe auf dem Düsseldorfer Areal Böhler. Gemeinwohl und Gemeinsinn rückte er dabei bewusst in den Mittelpunkt, verbunden mit der Frage, was jeder Einzelne tun könne, damit gesellschaftliches Zusammenleben besser funktioniere. Tatsächlich war die polis Convention in diesem Jahr an vielen Stellen weniger von klassischen Vertriebs- und Wachstumsdebatten geprägt als von grundsätzlichen Fragen zur Zukunft von Städten und Projekten. Das Motto „NEUE HORIZONTE – see you tomorrow“ zog sich nicht nur durch die Kommunikation der Messe, sondern spiegelte sich auch in zahlreichen Panels und Gesprächen wider. Diskutiert wurde über zirkuläres Bauen, Infrastruktur, Mobilität, Energieversorgung, Innenstadtentwicklung und den Umgang mit regulatorischen Hemmnissen. Immer wieder ging es um die Frage, wie Stadtentwicklung unter veränderten wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen überhaupt noch organisiert werden kann.

Dabei wurde deutlich, wie stark sich die Debatten verschoben haben. Während früher häufig Neubauvolumen, Expansion und neue Quartiere im Vordergrund standen, dominierten diesmal Themen wie Bestand, Transformation und Ressourceneffizienz. Viele Gespräche kreisten um Verfahren, Genehmigungen und politische Rahmenbedingungen. Gerade Projektentwickler beschrieben die aktuelle Situation vielfach als Mischung aus wachsendem Handlungsdruck und gleichzeitig sinkender Umsetzungsgeschwindigkeit. Daniel Sieveke, Staatssekretär im Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen, stellte die aktuellen Herausforderungen in einen größeren politischen Zusammenhang. „Bei allem, was uns entzweien mag, geht es um das positive Ringen für das Gute. Die aktuelle Politik muss Weichen für die Zukunft stellen, damit es morgen allen besser geht.“ Gerade in der Stadtentwicklung werde sichtbar, wie eng wirtschaftliche, soziale und politische Fragen inzwischen miteinander verbunden seien.

Die Landeshauptstadt Düsseldorf nutzte ihren Auftritt erneut, um konkrete Projekte und Entwicklungsstrategien zu präsentieren. Im Mittelpunkt standen unter anderem die Neuordnung der östlichen Königsallee, die Weiterentwicklung der Innenstadt sowie die Neugestaltung von Tuchtinsel und Schadowstraße. Oberbürgermeister Dr. Stephan Keller verwies dabei auf die Verbindung von wirtschaftlicher Stärke und urbaner Aufenthaltsqualität. Breitere Geh- und Radwege, neu organisierte Parkplatzflächen und öffentlich zugängliche Bereiche sollen die Innenstadt langfristig stärker auf Nutzung und Aufenthaltsqualität ausrichten. Cornelia Zuschke, Beigeordnete für Planen, Bauen, Wohnen, Grundstückswesen und Mobilität, beschrieb die zunehmende Komplexität von Stadtentwicklung vor allem als Balance zwischen Beschleunigung und Qualität. Planungs- und Umsetzungsprozesse müssten schneller werden, gleichzeitig steige der Anspruch an Klimaschutz, Nutzungsvielfalt und Beteiligung. Gerade darin zeigte sich auf der polis Convention ein zentrales Spannungsfeld: Der Wunsch nach Geschwindigkeit trifft vielerorts auf immer komplexere Anforderungen und langwierige Verfahren.

Mit dem neuen Format „polis Tomorrow“ weitete die Messe ihren Fokus zusätzlich aus. Themen wie Energie, Netze, Mobilität und Infrastruktur rückten stärker in den Vordergrund und machten deutlich, dass Stadtentwicklung längst nicht mehr allein als bauliche Aufgabe verstanden wird. Vielmehr geht es zunehmend um die Frage, wie unterschiedliche Systeme zusammenwirken und wie Städte unter den Bedingungen von Klimawandel, Ressourcenknappheit und wachsender gesellschaftlicher Fragmentierung funktionieren können. Besonders sichtbar wurde diese Entwicklung beim Thema zirkuläres Bauen. Im Panel „second bau – zirkuläre Zukunft des Bauens in Düsseldorf zwischen Wissenschaft und Praxis“ diskutierten Vertreter aus Wissenschaft und Praxis darüber, wie Wiederverwendung und Materialkreisläufe stärker in die Bauwirtschaft integriert werden können. Hintergrund ist unter anderem ein neues Bauteillager in Düsseldorf, das als Kompetenzzentrum für zirkuläres Handwerk und Bauwirtschaft aufgebaut wird und kürzlich eine Förderzusage des Landes Nordrhein-Westfalen erhalten hat.

Gleichzeitig wurde auf der Messe mehrfach deutlich, wie groß die Skepsis vieler Akteure gegenüber politischen Ankündigungen inzwischen geworden ist. Aygül Özkan, Hauptgeschäftsführerin des Zentralen Immobilienausschusses, griff das Messemotto direkt auf. „Wer zum Horizont will, muss sich bewegen.“ Damit bezog sie sich auf „NEUE HORIZONTE – see you tomorrow“ und verband dies mit einem Appell an Politik und Branche, langfristige Entscheidungen nicht von kurzfristigen Trends abhängig zu machen. „Das braucht aber ein Umfeld, das Umsetzung erlaubt.“ Genau daran mangele es derzeit. Auch der Gebäudetyp E, der seit Monaten als Instrument für schnelleres und effizienteres Bauen diskutiert werde, „habe noch nicht das Licht der Welt erblickt“. Diese Kritik zog sich in unterschiedlichen Varianten durch viele Gespräche auf der Messe. Zwar bestehe in der Branche weitgehend Einigkeit darüber, dass schneller, einfacher und ressourcenschonender gebaut werden müsse. Zwischen politischen Zielbildern und konkreter Umsetzung klaffe jedoch weiterhin eine erhebliche Lücke. Gerade Genehmigungsprozesse, regulatorische Vorgaben und Unsicherheiten bei Finanzierungen gelten für viele Akteure inzwischen als größere Herausforderung als technische Fragen.

Dass die polis Convention dabei zunehmend auch kulturelle und gesellschaftliche Perspektiven einbindet, zeigte sich an mehreren Stellen des Programms. Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, brachte diesen Gedanken auf eine knappe Formel: „Menschen spielen eine große Rolle in all den hier verhandelten Themen. Dies passt hervorragend zur DNA der Polis.“

Premiere für NEW bauhaus auf der polis Convention

In dieses Umfeld fügte sich auch der erste Auftritt von NEW bauhaus auf der polis Convention ein. Das Festival, das am 2. und 3. September in Weimar stattfindet, war erstmals mit einem eigenen Auftritt vertreten. Anders als klassische Immobilienveranstaltungen versteht sich NEW bauhaus bewusst als interdisziplinäres Format an der Schnittstelle von Bau, Immobilienwirtschaft, Kunst, Kultur, Soziologie und Philosophie. Im Mittelpunkt stehen weniger einzelne Projekte als die grundlegenden Regeln, nach denen gebaute Umwelt entsteht.

Michael Rücker, Festival Director von NEW bauhaus, beschrieb die Gespräche in Düsseldorf entsprechend als Bestätigung für diesen Ansatz: „Die Gespräche auf der polis Convention haben gezeigt, dass viele Akteure spüren, dass die Herausforderungen längst größer geworden sind als einzelne Projekte oder Quartiere. Bei NEW bauhaus geht es deshalb um die Frage, nach welchen Regeln gebaut wird, wer diese Regeln bestimmt und wie sich daraus unsere Städte und unser Zusammenleben verändern.“ Damit traf NEW bauhaus auf eine Messe, deren Debatten sich ohnehin zunehmend von klassischen Marktfragen lösen. Die polis Convention zeigte in diesem Jahr vor allem eines: Stadtentwicklung wird komplexer, politischer und gesellschaftlicher. Und sie bewegt sich längst in einem Spannungsfeld, das weit über Architektur, Immobilien und einzelne Quartiere hinausgeht.