Projektreihe „Probewohnen“  liefert Erkenntnisse für zuzugsorientierte Stadtentwicklung in Görlitz

Projektreihe „Probewohnen“ liefert Erkenntnisse für zuzugsorientierte Stadtentwicklung in Görlitz

Projektreihe „Probewohnen“  liefert Erkenntnisse für zuzugsorientierte Stadtentwicklung in Görlitz
Görlitz hat viel zu bieten. Unter anderem die Peterskirche an der Neiße. Copyright: Stephanie auf Pixabay

Görlitz ist attraktiv. Als kleinere Stadt mit urbanem Charakter hat Görlitz Vorteile, die selbst Großstädter zu schätzen wissen. Görlitz könnte diese Potentiale besser nutzen, um neue Bewohnerinnen und Bewohner anzulocken. Doch wie genau kann das gelingen? Die Projektreihe Probewohnen, die es Menschen ermöglicht, für eine begrenzte Zeit in Görlitz zu leben und dessen Vor- und Nachteile zu erfahren, zeigt Möglichkeiten auf.

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Seit vielen Jahren gibt die Projektreihe „Probewohnen“ Menschen die Möglichkeit, das Leben in der Stadt Görlitz durch einen zeitlich begrenzten Aufenthalt auszuprobieren. Über 500 Personen haben sich seit 2015 für die Teilnahme an einem der Projekte beworben. Besonders groß war das Interesse von Menschen aus Großstädten wie Berlin, München, Hamburg oder Dresden.

Die Teilnehmenden wurden im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung der Projekte durch das IZS Görlitz zu ihren Erwartungen und Eindrücken befragt, um daraus Schlussfolgerungen für die weitere Entwicklung von Görlitz und ähnlichen Klein- und Mittelstädten abzuleiten. Die Daten von insgesamt 260 Teilnehmenden hat das Projektteam im IZS über die Jahre ausgewertet und mit Projektbeteiligten aus Stadtverwaltung, Wirtschaftsförderung, Wohnungswirtschaft, Wissenschaft und Wirtschaft erörtert. Für Görlitz fasst nun eine Handreichung die Erkenntnisse zusammen. Sie enthält auch Empfehlungen, die helfen sollen, die Stadt – insbesondere die Innenstadt – so weiterzuentwickeln, dass Menschen gern nach Görlitz ziehen.

Die positiven Eindrücke der Teilnehmenden von der Stadt Görlitz

Görlitz ist attraktiv für potenzielle Neubürgerinnen und Neubürger – das haben die zahlreichen Bewerbungen für die einzelnen Projektauflagen gezeigt. Viele junge Familien können sich das Leben in der Stadt vorstellen, genauso wie die so genannte „Empty-Nest“-Generation, also Personen um die 50 Jahre und älter, deren erwachsene Kinder den Familienhaushalt verlassen haben. Die Teilnehmenden an den experimentellen Projekten im „Reallabor“ Görlitz fühlten sich zumeist wohl in der Stadt, schätzen ihren urbanen Charakter, die dennoch kurzen Wege, die Offenheit der Stadtgesellschaft und das rege Vereinsleben. Vor allem mit dem großen Angebot an preisgünstigen Wohn- und Arbeitsräumen punktete die Stadt, ebenso – vor allem bei Menschen aus der Großstadt – mit ihrer Ruhe und Beschaulichkeit.

Görlitz bietet aus Sicht der Teilnehmenden alles, was man für ein gutes Leben braucht. Ein attraktives Wohnumfeld gehört genauso dazu wie vielfältige Kultur- und Freizeitangebote, Geschäfte mit Dingen des täglichen Bedarfs und die Möglichkeit, sich in der nahen Natur zu erholen. Auch nachhaltige Lebensweisen, die im aktuellsten Projekt eine Rolle spielten, lassen sich in Görlitz zumindest teilweise umsetzen. „Ich mag Görlitz sehr, weil es eine Stadt ist, aber ohne diese Großstadtprobleme“, sagte so auch eine Teilnehmerin im Interview. Eine andere fasst ihre Eindrücke so zusammen: „Ich fühle mich hier wohl. Görlitz ist eine urbane Stadt, es gibt hier alles, aber die Wege sind kurz. Obwohl Görlitz so klein ist, hat man das Gefühl, dass man in einer größeren Stadt lebt.“

Trotz dieser positiven Bewertungen zeigen die Befragungsergebnisse und auch die Gruppendiskussionen der Teilnehmenden mit Vertretern der Partnereinrichtungen und der Stadtgesellschaft, dass Görlitz vorhandene Potenziale noch nicht optimal nutzt und mit ihnen offensiver für den Zuzug werben könnte.

Welche Kritikpunkte wurden geäußert?

Mit Pluspunkt Nummer 1, dem großen Angebot an preisgünstigem Wohn- und Arbeitsraum, verbinden sich auch Unzufriedenheiten der Befragten. Zum einen trifft das Angebot nicht immer die Bedarfe potenzieller Miet- und Kaufinteressierter. Zum anderen fehlte es an nötigen Informationen, etwa zu freien Objekten, Ausstattung, Miet- oder Kaufkonditionen, und ebenso an konkreten Beratungs- und Vermittlungsangeboten.

Kritik gab es auch an den Angeboten und der Infrastruktur in der Innenstadt. Nach Ansicht der Befragten ist unter anderem der Einzelhandel zu stark auf den Tourismus ausgerichtet. Ebenso wünschten sie sich deutlich weniger Autoverkehr in der Innenstadt, zugunsten von Rad- und Fußverkehr und um die städtebauliche Qualität weniger zu beeinträchtigen.

Viele der Befragten verbinden mit Görlitz das Image der grenzübergreifenden Europastadt, vermissten aber entsprechende Bezüge im alltäglichen Leben. Gleiches gilt auch für das Ziel der Klimaneutralität, die die Stadt bis 2030 erreichen möchte. Das Thema könnte ein wichtiger Standortfaktor und ausschlaggebend für den Schritt nach Görlitz sein. Doch müssten dazu entsprechende Maßnahmen im Stadtbild und im täglichen Leben deutlich sichtbarer werden.

Görlitz kann Zuzug unterstützen – Konkrete Empfehlungen für die Stadtentwicklung

Die positiven wie kritischen Einschätzungen aus der Projektreihe „Probewohnen“ können dabei helfen, Görlitz so weiterzuentwickeln, dass die Stadt auch in Zukunft als attraktiver Wohn- und Arbeitsort wahrgenommen wird. Die Projektpartner haben in ihrer gemeinsamen Handreichung sieben Empfehlungen für die Entwicklung vornehmlich der Innenstadt formuliert.

  1. Eigenes Bewusstsein für Bedarfe und Erwartungen Zuziehender stärken
  2. Attraktivität des Angebots an Wohn- und Arbeitsräumen nutzen und Zugang erleichtern
  3. Infrastrukturangebote als entscheidende Standortfaktoren für Zuzug erhalten und anpassen
  4. Rolle einer aktiven Stadtgesellschaft in einer mittelgroßen Stadt wertschätzen und fördern
  5. Potenziale für Alleinstellungsmerkmale nutzen
  6. Entwicklungen in der Stadt Görlitz zu einer nachhaltigen und klimaneutralen Stadt sichtbar machen
  7. Görlitz als ökonomisch tragfähigen Ort für die Kultur- und Kreativwirtschaft etablieren

Görlitz muss seine Qualitäten pflegen

„Görlitz ist auf Zuzug angewiesen und die Projektreihe macht deutlich, dass Zuzug vor allem aus Großstädten zu erwarten ist“, erläuterte Projektleiter Robert Knippschild, bei der Präsentation der Ergebnisse vor dem Görlitzer Stadtrat. Zugleich warb er dafür, die Perspektive der Zuziehenden ernst zu nehmen und bei der Stadtentwicklung zu berücksichtigen.„Es geht nicht darum die Großstadt nachzubilden, sondern vielmehr darum, die spezifischen Qualitäten dieser Stadt weiter zu pflegen, zu fördern und Schwachpunkte anzugehen. Mit Maßnahmen, die sich am Bedarf orientieren, und mit gezielten Imagekampagnen, die genau darauf aufmerksam machen, kann die Stadt aktiv den dringend nötigen Zuzug befördern“, so Knippschild.

Allein die Präferenzen in punkto Wohnen geben wichtige Hinweise für die Stadtentwicklung. So möchten viele der Befragten gern im Mehrfamilienhaus in der Innenstadt wohnen anstatt im neu gebauten Eigenheim am Stadtrand. Damit werde nicht nur deutlich, wo die Stadt Schwerpunkte bei der Stadtplanung setzen sollte, so Knippschild. „Diese Wohnwünsche bergen zugleich die Chance, den historischen Gebäudebestand der Stadt zu sanieren und zu beleben. Zusammen mit dem Wunsch nach weniger Autoverkehr in der Innenstadt sind schon zwei wichtige Bausteine genannt, die auch für die Entwicklung zur klimaneutralen Stadt eine große Rolle spielen und zur nachhaltigen Entwicklung von Görlitz beitragen können“, erläutert der Wissenschaftler.

Zur Website Stadt der Zukunft auf Probe

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