Wolf Lotter im OSTFORUM: "Jetzt kommt erst langsam Zeit für Büro"

Wolf Lotter im OSTFORUM: "Jetzt kommt erst langsam Zeit für Büro"

Wolf Lotter im OSTFORUM: "Jetzt kommt erst langsam Zeit für Büro"
Quelle: Katharina Lotter

Produktivität ist keine Frage der Fläche, sondern der Bedingungen. Während viele Unternehmen weiterhin in klassischen Bürostrukturen denken, verschiebt sich die Realität der Arbeit längst in Richtung Wissensökonomie. Mit ganz anderen Anforderungen an Raum, Führung und Standort. Wolf Lotter, Mitbegründer des Wirtschaftsmagazins brand eins, ordnet im Gespräch ein, warum Orte heute mehr sein müssen als funktionale Hüllen und welche Rolle Quartiere wie das OSTFORUM Leipzig dabei spielen können. Dort ist er am 21. April zu Gast. 

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IMMOBILIEN AKTUELL (IA): Sie beschreiben Wissensarbeit als produktive Unruhe. Was unterscheidet einen Ort, an dem nur gearbeitet wird, von einem Ort, an dem tatsächlich Wertschöpfung entsteht?

Wolf Lotter (WL): Wissensarbeit braucht Ruhe, Konzentration, kurze Wege und ein Klima, bei dem wir uns ganz auf das konzentrieren können, was wir tun. Eine menschengerechte Umgebung. Ich nenne das in meinem neuen Buch die Fähigkeit zur tätigen Ruhe, wo aus Kreativität und Können echte Problemlösungen entstehen.

IA: Viele Unternehmen rufen nach Innovation, organisieren aber weiterhin in klassischen Flächen- und Hierarchiemodellen. Was sagt das über ihr Verständnis von Arbeit im 21. Jahrhundert aus?

WL: Das kommt mir vor wie der Versuch, ein nagelneues Smartphone mit einem Betriebssystem aus den 1980er Jahren zu betreiben. Drei Viertel aller Jobs sind heute wissensbasierte Dienstleistung. Dabei geht es um Selbstständigkeit der Ausführung, darum, wie Peter Drucker es sagte, dass “der Wissensarbeiter mehr über seine Arbeit weiß als sein Chef”. Leadership ist nicht, den Leuten zu sagen, was sie zu tun haben, sondern die besten Arbeitsbedingungen für sie zu schaffen.

IA: Sie haben oft über die Ökonomie des Wissens geschrieben. Welche Rolle spielt der konkrete Stadtraum dabei: Ist er bloße Hülle oder aktiver Produktionsfaktor?

WL: Er ist ein entscheidender Produktionsfaktor, wenn sich die Stadt auch an die Bedingungen der Wissensarbeit anpasst - konzentrierte, ruhige Räume, weniger Lärm und mehr Einladungen zum Austausch. Ein Campus, ein funktionierendes Quartier eben.

IA: In Zeiten von Remote Work und hybriden Modellen wird das Büro regelmäßig totgesagt. Ist das Büro ein Auslaufmodell oder gerade jetzt ein strategisches Instrument für Unternehmen?

WL: Wenn das Büro den Ansprüchen der Wissensarbeit - also Ruhe, Fokus, selbständige Arbeit - genügt, ist es alles andere als tot. Ich glaube, dass jetzt erst langsam seine Zeit kommt. Wir wissen aus internationalen Studien ja, dass die Leute deshalb ins Homeoffice wollen, weil sie dort in Ruhe ihre Arbeit erledigen können, nicht ständig abgelenkt und gestört werden. Die Ablenkung kostet übrigens allein in Deutschland einen dreistelligen Milliardenbetrag pro Jahr! Aktionismus ist von gestern. Lasst die Leute in Ruhe arbeiten - und wenn die Büros das können, dann sind sie sogar DAS strategische Instrument für Unternehmen. Insofern brauchen wir nicht mehr Homeoffice oder Büros, wir brauchen Orte, in denen das eine wie das andere möglich ist.

IA: Wenn Sie einem wachsenden IT- oder Dienstleistungsunternehmen einen Rat geben müssten: Woran erkennt man, ob ein Standort die eigene Entwicklung beschleunigt oder bremst?

WL: In der Wissensökonomie ist der Kopf das wichtigste Kapital. Und dieser Kopf bleibt, wenn die Leute ihre Arbeit machen können, ohne genervt zu werden. Dieses Kapital trägt Zinsen, wenn ein Standort und seine Infrastruktur  rund um Leben und Arbeit gebaut sind, wenn beides geht und sich nicht gegenseitig stört. Besser denken, Effektivität schaffen, Probleme lösen - darum geht es doch. Mir hat ein sehr erfolgreicher Unternehmer mal gesagt: “Ziehen Sie sich die Schuhe Ihrer Kolleginnen und Kollegen an - und das, was Sie brauchen, liegt vor Ihnen wie ein offenes Buch.” Suchen Sie sich fünf Mitarbeitende, die Sie besonders schätzen, und dann spielen Sie nach und nach in echt einen der Tage durch, den die haben: Von der Kita über die Schule bis zu den Verkehrsbedingungen. Finde ich einen Parkplatz? Kann ich Öffis nutzen? Essen, einkaufen? All die Dinge, die Energie kosten, Zeit, Konzentration, Geld. Oder ideal: Kann ich dort, wo ich arbeite, auch leben? Dann passt alles zusammen.

Wolf Lotter im OSTFORUM Leipzig

Am 21. April 2026 lädt das OSTFORUM Leipzig zu einer besonderen Veranstaltung ein. Unter dem Titel „OSTFORUM Zukunftsraum – Wolf Lotter über die Zukunft produktiver Orte“ wird das neue Quartier am Ostplatz erstmals im Rahmen eines exklusiven Events vorgestellt. Im südöstlichen Zentrum Leipzigs entsteht mit dem OSTFORUM ein neues urbanes Quartier für Wohnen und Arbeiten. Drei markante Neubauten verbinden modernen Wohnraum mit rund 15.308 Quadratmetern flexibel nutzbarer Gewerbefläche für Büro, Einzelhandel und Gastronomie.

Den inhaltlichen Mittelpunkt bildet eine Keynote von Wolf Lotter, Journalist, Publizist und Mitbegründer des Wirtschaftsmagazins brand eins. In seinem Vortrag spricht er über die Zukunft produktiver Orte und darüber, welche Rolle neue urbane Quartiere für Wirtschaft, Innovation und Stadtentwicklung spielen können.

Die Veranstaltung beginnt um 16 Uhr (Einlass ab 15 Uhr) am Projektstandort Prager Straße / Johannisallee / Ostplatz in Leipzig. Nach der Keynote folgen Fragerunden sowie ein Get-together mit Häppchen und Getränken.

Zur kostenfreien Anmeldung geht es hier