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Baukultur als Faktor für Lebensqualität?

Von Oktober 2018 bis Dezember 2020 widmeten sich im Projekt "REVIVAL! – Revitalisierung der historischen Städte in Niederschlesien und Sachsen" drei wissenschaftliche Einrichtungen und zehn Städte in Südwestpolen und Ostsachsen der Frage, wie Klein- und Mittelstädte im ländlichen Raum ihr baukulturelles Erbe besser nutzen und so die Attraktivität ihrer Innenstädte steigern können.

Eine Studie, in der auch sächsische Klein- und Mittelstädte betrachtet wurden, kommt zu dem Schluss, dass die Vorteile der Kommunen oft zu schlecht wegkommen.
Von Redaktion Immobilien Aktuell Magazin / Ivette Wagner, 31.01.2021

Die wissenschaftlichen Partner waren das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR, Projektleitung), das Internationale Hochschulinstitut (IHI) Zittau der Technischen Universität Dresden und das Instytut Rozwoju Terytorialnego (IRT, Institut für Territoriale Entwicklung) der Woiwodschaft Niederschlesien in Polen. Als Praxispartner gehörten vier deutsche und sechs polnische Städte zum Verbund. Auf deutscher Seite waren das Bautzen, Görlitz, Reichenbach und Zittau.

„Bis heute spielt das kulturelle Erbe in Studien zu städtischer Lebensqualität kaum eine Rolle. Ganz anders als etwa ökonomische oder ökologische Aspekte, bei denen Großstädte oft punkten können“, erläutert Studienleiter Prof. Dr. Robert Knippschild vom IÖR. Kleinere Städte schnitten damit in Rankings zwangsläufig schlechter ab. „Diese schlechteren Ergebnisse können eine regelrechte Negativspirale in Gang setzen, denn die Außenwahrnehmung beeinflusst auch die Innenwahrnehmung der Städte. Vor allem in peripher gelegenen Städten können dadurch ohnehin problematische Entwicklungsdynamiken noch verstärkt werden.“ Diese Dynamiken möchte das Forschungsteam mit den gewonnenen Erkenntnissen durchbrechen.

Trägt kulturelles Erbe zur Lebensqualität von Klein- und Mittelstädten bei?

Die Wissenschaftler untersuchten, inwieweit kulturelles Erbe – vor allem die Baukultur in historischen Stadtkernen, aber auch immaterielles Erbe wie etwa Handwerkstraditionen – zur Lebensqualität von Klein- und Mittelstädten beiträgt. Um diesen Beitrag besser messbar zu machen, trugen sie relevante Merkmale zusammen. Die Liste zählt im Moment mehr als 100 dieser Indikatoren.

Erstellt wurde diese Matrix anhand von Literaturrecherchen, Experteninterviews und Fokusgruppengesprächen. „Ließe sich der Beitrag des kulturellen Erbes zur urbanen Lebensqualität messen und quantifizieren, wäre es viel einfacher, sein Potenzial auch in Politik und Planung zu aktivieren“, erläutert Prof. Dr. Robert Knippschild.

Die Feldforschung in den zehn Projektpartnerstädten entlang der sächsisch-polnischen Grenze untermauerte die theoretischen Erkenntnisse des Forschungsteams. Nicht nur machten die Fokusgruppengespräche in den Kommunen deutlich, wie reichhaltig das baukulturelle Erbe vor Ort tatsächlich ist. Die Wissenschaftler folgern, dass es zu allen Dimensionen von Lebensqualität in den kleinen und mittleren Städten beitragen kann. Deutlich wurde aber auch, dass es von den lokalen Rahmenbedingungen abhängt, ob die Städte das Potenzial ihres kulturellen Erbes aktivieren können.

Städte müssen ihr kulturelles Erbe selbst aktivieren

„Die bloße Existenz von historischer Bausubstanz und immateriellem Erbe impliziert nicht, dass sie automatisch auch einen Beitrag zur Lebensqualität in den Städten leisten. Es handelt sich um ein Potenzial, das durch ein integriertes Management aktiviert werden muss“, so Prof. Dr. Robert Knippschild. „Das braucht ein Bewusstsein für diese Dinge, aber auch Engagement, ein gutes Zusammenwirken zwischen Stadtverwaltung und Bürgerschaft und nicht zuletzt finanzielle Spielräume vor Ort.“ Im Zuge des Projektes setzten die vier deutschen und sechs polnischen Städte je eine Pilotmaßnahme um und machten damit ihr baukulturelles Erbe für alle sichtbarer.

Die Liste der Indikatoren, die künftig den Beitrag von kulturellem Erbe zur Lebensqualität von Städten messbar machen könnte, ist noch nicht abgeschlossen. Sie müssen durch weitere Forschung erprobt und verfeinert werden. Und sie müssen Eingang finden in Studien zu städtischer Lebensqualität und in die viel beachteten Städte-Rankings.

Informationen zum Projekt REVIVAL!

Foto: Ausstellungen von REVIVAL in Zary (links) und Zittau (rechts). Bildquelle: REVIVAL, IÖR-Media

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