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Das Haus der Statistik und die Macht der Worte

Wenn Wunder wahr werden: Die Entwicklung des Hauses der Statistik stellt ein verblüffendes Stück Unwahrscheinlichkeit in Berlins Baugeschichte dar. Und alles nur, weil eine Gruppe Künstler ihren frommen Wunsch plakatierte.

Die Entwicklung des Hauses der Statistik stellt ein verblüffendes Stück Unwahrscheinlichkeit in Berlins Baugeschichte dar.
Von Jan Zimmermann, 28.10.2019

Die richtigen Worte, auf Transparent gebannt, können Berge versetzen. Denn wie sagte noch gleich der große argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges? „Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn.“ Wenn diese Phrasen aus dem Denkorgan eines anderen sich augenblicklich wie eine richtig gute Idee anfühlen oder – besser noch – wie Wahrheit, dann haben wir es mit einem perfekten Slogan zu tun. Ein solcher vermag selbst die irrwitzigsten Dinge zu zeitigen. Mit dem Haus der Statistik besitzt die Stadt Berlin ihr ganz eigenes Beispiel für diese wundersame Macht der Worte. Eigentlich waren Abriss und Verkauf des seit 2008 leerstehenden Gebäudes bereits beschlossen, ein Neubau mit 94.000 Quadratmetern Bürofläche sollte entstehen. Dann schmückte eine Gruppe von Künstlern 2015 den DDR-Bau mit den Worten: „Hier entstehen für Berlin Räume für Kunst, Kultur und Soziales.“ Und alles wurde anders.

Krisen laden oftmals zum Umdenken ein, und so bot die damalige Flüchtlingskrise den fruchtbaren Boden für die an sich unwahrscheinliche Idee der Künstler von der Allianz bedrohter Berliner Atelierhäuser (AbBA). Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) – ihres Zeichens Eigentümerin der Liegenschaft – rückte von ihren ursprünglichen Verkaufsplänen ab und bot dem Land Berlin im Frühjahr 2015 das Gebäude zur Nutzung als Flüchtlingsunterkunft an, was dieses jedoch ablehnte. Stattdessen schlossen sich allerdings Bezirksbürgermeister Christian Hanke und die Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Mitte einem Vorschlag der aus Künstlern, Architekten, Kulturschaffenden und Politikern bestehenden Initiative Haus der Statistik an, aus dem Areal ein Zentrum für Geflüchtete – Soziales – Kunst – Kreative zu machen.

Einzigartige Kooperation am Haus der Statistik

Zwar wurden die Flüchtlingsunterkünfte im alten DDR-Verwaltungskomplex nie eingerichtet. Nichtdestotrotz legte die seit Ende 2016 amtierende rot-rot-grüne Landesregierung in ihrem Koalitionsvertrag fest, dass das Haus in Landeseigentum überführt und „als Ort für Verwaltung sowie Kultur, Bildung, Soziales und Wohnen“ entwickelt werden sollte. 2017 erwarb das Land Berlin schließlich das Objekt.  

Um das Haus der Statistik seiner neuen, gemeinwohlorientierten Bestimmung zuzuführen, entstand dann, im Januar 2018, eine deutschlandweit vermutlich einzigartige Kooperation. Unter dem Namen Koop5 arbeiten seither die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, das Bezirksamt Berlin-Mitte, die landeseigenen Gesellschaften WBM Wohnungsgesellschaft Berlin-Mitte mbH und BIM Berliner Immobilienmanagement GmbH sowie die aus der Initiative Haus der Statistik erwachsene ZUsammenKUNFT Berlin eG (ZKB) an der Entwicklung des Geländes. Der „große Kuchen“ Haus der Statistik soll sich folgendermaßen auf die fünf Parteien verteilen: Als „großer Bruder“ begleitet die Senatsverwaltung das Projekt und führt den städtebaulichen Planungsprozess durch. Der Bezirk Mitte schafft Planungsrecht und leitet den Gesamtprozess, während er gleichzeitig als Bauherr für das neue, circa 25.000 Quadratmeter große Rathaus Mitte auftritt, das auf dem Areal entstehen soll. Die WBM will in einem geplanten Neubau auf etwa 26.000 Quadratmetern 300 bezahlbare Wohnungen errichten. Auf 80 Prozent der Bestandsflächen wird die BIM GmbH diverse Verwaltungsnutzungen unterbringen, darunter auch das Finanzamt. Die übrigen 20 Prozent entfallen auf die ZKB, die diese sowie 15.000 weitere Quadratmeter im Neubau mit Kunst, Kultur und Sozialem füllen wird.

Leona Lynen sieht in der Koop5 als Synergie von zivilgesellschaftlicher Selbstverwaltung und kommunaler Daseinsvorsorge einen Hebel, um die Gemeinwohlorientierung langfristig zu sichern. „Durch die Kooperation wird zivilgesellschaftliches Wissen, Engagement und die Diversität der zukünftigen Nutzer:innen mit der Expertise und den Handlungsspielräumen der kommunalen Akteure gekoppelt“, sagt die Botschafterin der WERKSTATT Haus der Statistik. „Es ist ein lernender Prozess, in dessen Verlauf gemeinsam Instrumente und Maßnahmen des Gemeinschaffens entwickelt werden.“

Offenes Werkstattverfahren zur Ausarbeitung eines Bebauungsplans

Der Plan zeigt die Nutzungsverteilung im  Quartier Haus der Statistik. Quellen: TELEINTERNETCAFÉ und Treibhaus LandschaftsarchitektenDass so ein lernender Prozess wunderbar funktionieren kann, zeigte das von September 2018 bis Februar 2019 ausgerichtete integrierte Werkstattverfahren zur Ausarbeitung eines neuen Bebauungsplans für das Areal. Neben diversen Fachexperten konnten sich hier auch die Berliner Bürger an der Ideenfindung beteiligen. Von den drei Bürogemeinschaften, die aus diesen Ideen jeweils einen städtebaulichen Entwurf erarbeiteten, setzte sich am Ende das Team von TELEINTERNETCAFÈ und Treibhaus Landschaftsarchitekten durch. Dessen besonders nutzerorientierter Plan sieht 66.000 Quadratmeter Neubau als Ergänzung der 46.000 Quadratmeter Bestand vor, dazu drei Höfe zur gemeinschaftlichen Verwendung. Die neuen Gebäude umfassen eine Wohnbebauung entlang der Berolinastraße mit einem 15- und einem zwölf-geschossigen Wohnhaus sowie einen 16-geschossigen Büroturm an der Otto-Braun-Straße für das neue Rathaus. Drei „Experimentierhäuser“ sind für wechselnde Nutzung vorgesehen. Dachgärten und Gemeinschaftsterrassen sollen die dichte Bebauung zusätzlich begrünen. Die Umsetzung dieses Bebauungsplanes erfordert zudem den Abriss der beiden Flachbauten im Norden und Osten des Komplexes. Der Teilrückbau des Bestandes war allerdings im Vorfeld bereits beschlossen worden.

Alles anders oder was?

Ab 2021 sollen die Pläne in die Tat umgesetzt werden. Bis dahin stehen die alten Gebäude jedoch noch ganz im Zeichen der sogenannten Pioniernutzungen. Nina Peters von der ZUsammenKUNFT Berlin eG und federführend bei diesen Interimslösungen erklärt: „Pioniernutzungen erproben prozesshaft, was später im Quartier entstehen soll – ein gemeinschaftliches Quartier, das durch Nutzungssynergien, eine kooperative Entwicklung und ein gemeinwohlorientiertes Leitbild geprägt ist. Sie sind eine Reaktion auf akute Raumbedarfe und sollen die Bestandsgebäude aktivieren und revitalisieren.“ Eines dieser Raumexperimente ist das noch bis Dezember 2019 laufende künstlerische Projekt STATISTA. Hier wird unter dem Titel „Allesandersplatz“ untersucht, wie Stadtentwicklung gemeinnützig, nachhaltig und kooperativ umgesetzt werden kann. Womöglich ist dabei schon die nächste Idee im Anmarsch, deren Umsetzung heute noch niemand für möglich hält. Aber wer weiß.

 

Visualisierung oben: Dachgärten bieten zusätzliches Grün sowie Außenflächen mit hoher Aufenthaltsqualität.
Quelle Visualisierung/Abbildung: TELEINTERNETCAFÉ und Treibhaus Landschaftsarchitekten

 

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