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Streit um einen historischen Ort

Wie geht es weiter mit einem der geschichtsträchtigsten Entwicklungsgrundstücke Berlins? Um die Zukunft des Checkpoint Charlie hat sich ein Geflecht aus unterschiedlichen Interessen, politischen Manövern und undurchsichtigen Unterstellungen gelegt – Ausgang offen. 

Um die Zukunft des Checkpoint Charlie hat sich ein Geflecht aus unterschiedlichen Interessen, politischen Manövern und undurchsichtigen Unterstellungen gelegt
Von Christian Hunziker, 02.04.2019

Heskel Nathaniel hat sich das alles viel einfacher vorgestellt. 2015 erwarb die von ihm geführte Trockland Management GmbH die Grundschulden, die auf den beiden noch unbebauten Grundstücken am ehemaligen Grenzkontrollpunkt Checkpoint Charlie lasten. Die Absicht von Trockland war es, anschließend das insgesamt 9.100 Quadratmeter große Areal im Zentrum Berlins zu kaufen und zu bebauen. Sogar einen ersten Mieter, das Hard-Rock-Hotel, konnte Heskel Nathaniel 2015 bereits präsentieren. 

Gut drei Jahre später ist von Bauarbeiten am Checkpoint Charlie nichts zu sehen. Stattdessen quält noch immer dasselbe Bild die Augen geschichtsbewusster Betrachter: Falsche Soldaten posieren vor einer falschen Kontrollbaracke, um sich von Touristen für ein Foto bezahlen zu lassen. Derweil verstopfen Reisebusse die Zimmerstraße, während gelangweilte Jugendliche vor dem Haus am Checkpoint Charlie auf Einlass in die Ausstellung warten und die wenigen Berliner, die es an diesen eigenartigen Ort verschlagen hat, sich verzweifelt einen Weg durch das Gewühl bahnen. 

Lompscher hat einen Plan 

Ähnlich unübersichtlich wie das Treiben am Checkpoint Charlie ist die politische Diskussion, die um den historischen Ort in der Friedrichstraße entbrannt ist. Längst geht es nicht mehr nur um ein großes Bauprojekt, sondern auch um die Frage, wie die Erinnerung an die Teilung Berlins gewahrt werden soll und um die vielleicht noch größere Frage, wem die Stadt gehört. 

Ein Ergebnis dieser Diskussionen ist, dass der Berliner Senat die über Jahre hinweg erarbeitete Planung für den geschichtsträchtigen Ort Ende 2018 grundlegend verändert hat. Das von Anfang an geplante Museum, das an die Geschichte des Kalten Krieges erinnern wird, soll demnach von der westlichen auf die östliche Seite des einstigen Kontrollpunktes verlegt und als eigenständiges Gebäude ausgebildet werden. Auf der westlichen Seite findet sich dafür der ebenfalls bereits vorher geplante, öffentliche Platz, dann stärker akzentuiert. Außerdem ist ein hoher Wohnanteil vorgesehen, wobei gemäß den Bestimmungen des Berliner Modells der kooperativen Baulandentwicklung 30 Prozent der Wohnfläche öffentlich gefördert und entsprechend günstig vermietet werden müssen. Nach Angaben von Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher ist vorgesehen, das Areal als Urbanes Gebiet auszuweisen. Diese Baugebietskategorie, die erst 2017 in die Baunutzungsverordnung eingeführt worden ist, ermöglicht ein enges Nebeneinander von Gewerbe- und Wohnnutzung. 

Wie viel Geschossfläche am Checkpoint Charlie entstehen und wie die städtebauliche Figur genau gestaltet werden soll, steht bislang nicht fest. Katrin Lompscher strebt an, den Bebauungsplan bis Ende dieses Jahres fertig zu erarbeiten und ihn Anfang 2020 dem Abgeordnetenhaus zur Beschlussfassung vorzulegen. Im Übrigen seien die jetzt beschlossenen Änderungen „nicht so gravierend, wie es dargestellt wird“, sagt die Senatorin. Es sei auch „nicht ungewöhnlich“, dass aufgrund öffentlicher Diskussionen Änderungen an Planungen vorgenommen würden. Und es habe sich eben gezeigt: „Was vor dem Sommer 2018 beschlossen worden ist, hat einer öffentlichen Begutachtung nicht standgehalten.“ 

Komplizierte Vorgeschichte 

Um die Brisanz der jetzigen Diskussion zu verstehen, muss man weit in die Geschichte zurückblicken. Der Checkpoint Charlie, einer der drei von den US-Amerikanern kontrollierten Grenzübergänge in Berlin, wurde im Oktober 1961 weltbekannt, als sich an dieser Stelle sowjetische und US-amerikanische Panzer gegenüberstanden und der Dritte Weltkrieg auszubrechen drohte. Nach dem Fall der Mauer verkaufte das Land Berlin das gesamte weitläufige Areal an eine Gesellschaft des US-Unternehmers Ronald S. Lauder, der dort ein „American Business Center“ errichten wollte. Von den fünf geplanten Gebäuden entstanden jedoch nur drei; die beiden Grundstücke direkt am einstigen Kontrollpunkt blieben eine Brache. 

2001 kündigte die Eigentümergesellschaft optimistisch den baldigen Baubeginn für zwei Gebäude mit Büros, Wohnungen und einem Museum an. Doch daraus wurde nichts; stattdessen meldete die Gesellschaft 2003 Insolvenz an. 2007 trat die irische Gesellschaft Cannon Kirk auf den Plan, die mit ihren Plänen ebenfalls Schiffbruch erlitt. Die Grundschulden erwarb 2015 die Trockland Group vom Insolvenzverwalter, verbunden mit der Option, auch die Grundstücke zu kaufen. Diese Option hat Trockland bis Redaktionsschluss nicht gezogen. 

Das bedeutet aber nicht, dass sich das Unternehmen aus dem Projekt zurückzieht. „Wir wollen diesen Ort unbedingt weiter entwickeln und stehen zur Verfügung“, sagt Trockland-Sprecherin Marion Schumacher. Das Unternehmen prüfe derzeit, ob die Realisierung des Vorhabens unter den neuen Rahmenbedingungen noch wirtschaftlich sei, und sei „sehr intensiv auf der Suche nach Lösungsansätzen“. Im vergangenen Herbst hatte Trockland-Chef Heskel Nathaniel hingegen angedeutet, sein Unternehmen erwarte bis Ende 2018 eine definitive Entscheidung des Landes Berlin, andernfalls werde es sich aus dem Vorhaben zurückziehen. 

Genau zu der Zeit stellte jedoch ein Teil der Berliner Tagespresse die Seriosität von Trockland in Frage. Dabei zielten die Vorwürfe zum einen auf die schwer durchschaubare Struktur des Unternehmens, das in Berlin bereits mehrere Großprojekte (darunter die Paragon-Apartments in Prenzlauer Berg und das unter dem Namen Bricks entwickelte ehemalige Postamt Schöneberg) realisiert hat. Zum anderen geriet Vladimir Sokolov, der Head of Finance & Investor Relations von Trockland, ins Visier. Dieser ist der Schwiegersohn des 2006 verstorbenen Präsidenten von Turkmenistan, der sein Land 14 Jahre lang autokratisch regiert hatte. Vladimir Sokolov verweist jedoch darauf, dass das von ihm in Trockland- Projekte investierte Geld aus seiner Tätigkeit bei einer Bank in London stamme. 

Mitten in Debatte um Rekommunalisierung 

Trockland hat dabei das Pech, mit seiner Projektentwicklung in eine politische Großwetterlage geraten zu sein, welche die Lösung aller Probleme in der Rekommunalisierung und der Verdammung privater Investitionen sieht. Denn als das Unternehmen Ende 2015 auf einer Pressekonferenz seine ersten Pläne vorstellte, blieben Proteste aus. Und noch im Mai 2018, als die erste von drei Veranstaltungen eines öffentlichen Beteiligungsprozesses stattfand, war das Interesse verhalten. Erst in den folgenden Monaten gewann die Debatte an Heftigkeit – parallel zur sich aufschaukelnden Diskussion über den Rückkauf einst kommunaler Wohnungsbestände und den angekündigten Volksentscheid über die Enteignung großer Wohnungsunternehmen. 

Auch beim Checkpoint Charlie sehen Teile der politischen Linksparteien das Heil in der Verstaatlichung. Sie verweisen darauf, dass das Land Berlin ein Vorkaufsrecht für die umstrittenen Grundstücke habe, und fordern, dieses Recht wahrzunehmen. Bei näherer Betrachtung ist dieses Vorkaufsrecht allerdings eine Fiktion. Geltend machen kann es das Land Berlin nämlich nur, wenn der Insolvenzverwalter die Grundstücke regulär verkauft. Dazu wird es aber aller Voraussicht nach nicht kommen. „Trockland kann als Eigentümer der auf den beiden Grundstücken lastenden Grundschulden die Grundstücke jederzeit zwangsversteigern lassen“, heißt es bei Trockland. In diesem Fall aber wäre das Vorkaufsrecht wirkungslos, wie eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Finanzen betätigt. 

Bei einer Zwangsversteigerung könnte das Land lediglich wie jeder andere Interessent mitbieten – und müsste dafür sehr viel Geld in die Hand nehmen. Die Höhe der Grundschulden beläuft sich nämlich auf 90 Millionen Euro, dieser Betrag wäre das Mindestgebot. Und dann müsste das Land Berlin natürlich noch weitere Mittel aufwenden, um das gewünschte Museum zu errichten. 

Gedenken – doch wie? 

Die von Trockland geplante Bebauung mit einem Hard-Rock-Hotel konterkariere eine würdige Erinnerung an die deutsche Teilung, heißt es bei den Kritikern der jetzigen Pläne. Doch das sehen nicht alle so. Marianne Birthler beispielsweise, ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin und später Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, sieht keinen Widerspruch zwischen einer Bebauung und einer würdevollen Erinnerung. „Ein reiner Erinnerungsort, an dem kein alltägliches Leben stattfindet, ist weder realistisch noch wünschenswert“, sagt sie. Und beklagt „das traurige Bild“, das der Checkpoint Charlie in seinem heutigen Zustand biete und „etwas von einem Rummelplatz“ habe. Doch die Prognose ist nicht allzu gewagt: Der Checkpoint Charlie wird bis auf weiteres ein Rummelplatz bleiben. Und das sollte eigentlich – die falschen Soldaten vor ihrer falschen Kontrollbaracke einmal ausgenommen – niemanden freuen. 

 

Foto: shutterstock.com / Tobias Arhelger

 

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