Das Neue Gartenfeld in Berlin: Zwei Milliarden schwer und mit großen Verkehrsproblemen

Das Neue Gartenfeld in Berlin: Zwei Milliarden schwer und mit großen Verkehrsproblemen

Das Neue Gartenfeld in Berlin: Zwei Milliarden schwer und mit großen Verkehrsproblemen
Einblick in "Das Neue Gartenfeld". Copyright: UTB

Im Spandauer Stadtteil Haselhorst wird seit sechs Jahren eines von 16 neuen Quartieren in Berlin geplant. Dieses soll 3.700 neue Wohnungen, Schulen, Gewerbe und Einzelhandel nach Spandau bringen. Die schleppende Verkehrsplanung verzögert das gewaltige Vorhaben. Dennoch konnte "Das neue Gartenfeld" jetzt einen wichtigen Meilenstein erreichen.

Münchner Immobilienkongress am 8.9.2022

23.06.2021: "Das Neue Gartenfeld" ist das spannendste Projekt im Nord-Westen Berlins. Auf dem ehemaligen Industrieareal der innerstädtischen Insel Gartenfeld in Berlin-Spandau soll ein Quartier mit 3.700 Wohnungen, Schulen, Gewerbe, Einzelhandel und Raum für Kultur entstehen. Es wird vom Projektmanager UTB als Vorbild für den Städtebau des 21. Jahrhunderts angekündigt. Doch das Vorhaben Smart-City zieht sich zäh in die Länge. Der Grund: Die Planung der Verkehrsanbindung kommt nicht zum Ende.

Der Plan B(us) für das Neue Gartenfeld

Inzwischen steht fest, dass die ersten Bewohner lange eingezogen sein werden, bevor eine Straßenbahntrasse fertig sein kann. Bei einer Anhörung vor dem Berliner Ausschuss für Bauen und Wohnen im April legten die Beteiligten den aktuellen Stand dar. Auf die Frage, ob es einen Plan B gebe, um das befürchtete Verkehrschaos zu verhindern, antwortete der UTB-Chef Thomas Bestgen mit Ja. Den Bus. „Mit der BVG sind bereits neue Strecken und der Einsatz von Express-Bussen abgesprochen.“ 

Quartier "Das Neue Gartenfeld" wird nach "Berliner Modell" errichtet

Visualisierung von "Das Neue Gartenfeld". Copyright: UTB
Visualisierung von "Das Neue Gartenfeld". Copyright: UTB

Damit teilt das Neue Gartenfeld das Schicksal so mancher Projekte, die an großen Problemen der Infrastruktur, aber auch im Kleinklein hängen bleiben. Dabei hat die UTB alles getan, was für einen  planmäßigen Baufortschritt auf dem 34 Hektar großen Gelände nötig ist. Das bestätigte der Spandauer Baustadtrat Frank Bewig (CDU). Und das Konzept für das neue Quartier ist in jeder Hinsicht ambitioniert. Es wird nach dem „Berliner Modell“ errichtet. 30 Prozent der Wohnungen sind für einkommensschwache Mieter reserviert. Die Entwickler haben sogar die Bewirtschaftungskosten im Blick: Die sogenannte zweite Miete soll deutlich unter dem Durchschnitt der Berliner Wohnungsunternehmen liegen, der Service möglichst aus einer Hand kommen.

Auch Wohnungen mit mittleren Mieten und Eigentumswohnungen werden im Zusammenspiel mit den Partnern BUWOG, der landeseigenen Gewobag und zwei kleineren Genossenschaften errichtet. Vielfalt entsteht durch verschiedene Haustypen, darunter sind auch fünf Hochhäuser. Die denkmalgeschützte Belgienhalle wird für Gewerbe und soziale Angebote genutzt. Das kalkulierte Investitionsvolumen liegt bei 2,4 Milliarden Euro.

Ökologisch weit vorn: Ziel ist eine Null-Abfluss-Siedlung

In allen Bereichen des Quartiers setzen die Planer auf  intelligente Smart-City-Technologien: Wärme und Energie sollen vorwiegend aus lokalen Quellen gewonnen und ein dezentrales Nahwärmenetz geschaffen werden, Wohnen und Gewerbe digital vernetzt sein. Photovoltaik-Anlagen sind auf allen Dächern der Wohngebäude vorgesehen und sollen Mieterstrom bereitstellen. Das Regenwasser wird gesammelt, gereinigt und wieder genutzt –  das Ziel ist eine Null-Abfluss-Siedlung.

Ein Schulcampus für 1.300 Schüler wird geschaffen. Ganz oben auf der Agenda steht auch eine Palette verzahnter Angebote für die Mobilität jenseits des Privat-PKWs: Autos werden nicht das Stadtbild prägen; Parkplätze gibt es nur zum Ein- und Ausladen. Die 1.900 geplanten Stellplätze konzentrieren sich in zwei Mobilitäts-Hubs auf dem Areal. Der Fokus beim Binnenverkehr liegt auf dem Rad, auf Ride-, Bikesharing und elektrifizierten Shuttles – ansonsten auf dem Öffentlichen Personen Nahverkehr (ÖPNV). Aber: „Die verkehrlichen Belange zu untersuchen, hat nicht so stattgefunden wie gewünscht“, kritisierte Frank Bewig die Verkehrsplaner der Stadt Berlin.

Verkehrsplanung für "Das Neue Gartenfeld" bereits seit sechs Jahren im Gange und immer noch ohne Ergebnis

Die Insel Gartenfeld ist vollständig vom Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal umgeben. Sechs Jahre lang wird inzwischen über verschiedene Varianten der Anbindung des Quartiers "Das Neue Gartenfeld" diskutiert, über Brücken, eine übergeordnete Hauptverkehrsstraße und die Trasse für die Straßenbahn sowie den Anschluss an die geplante Siemensbahn, die wiederaufgebaut werden soll. Die Firma Siemens betrieb auf der Insel einst ein großes Kabelwerk;  über die 1980 stillgelegte Siemensbahn gab es auch einen Anschluss an die S-Bahn. So soll es in Zukunft wieder sein.  

Straßenszene aus dem Quartier "Das neue Gartenfeld". Copyright: COBE Berlin GmbH
Straßenszene aus dem Quartier "Das neue Gartenfeld". Copyright: COBE Berlin GmbH

Im Dezember vergangenen Jahres ist zumindest für Straße und Tram eine Entscheidung für die Süd-Varianten provoziert worden: Die Variante sieht eine Trasse durch das Neue Gartenfeld vor - über eine Brücke zur Rhenaniastraße. Im Juni wird es eine neue Anhörung der Träger öffentlicher Belange geben, für Januar ist das Beteiligungsverfahren geplant, so dass der B-Plan den Abgeordneten im August zum Beschluss vorgelegt werden kann.

Thomas Bestgen sagte: „Wir hoffen, dass das, was verabredet wird, auch gilt.“ Derzeit läuft die Altlastensanierung auf dem ehemaligen Industriegelände. Denn der Boden ist mit Öl. Schwermetallen und sogar Arsen kontaminiert. Auch Kupferschlamm wurde gefunden. Der Boden muss bis in eine Tiefe von 15 Metern entsorgt werden. Rund 60 Millionen Euro sind dafür veranschlagt. Der Baustart für den Hochbau ist dann für 2022 avisiert. Im Jahr 2027 soll "Das Neue Gartenfeld" fertiggestellt sein.

Machbarkeitsstudie mit drei möglichen Trassen

Ingmar Streese, Staatsekretär, für Verkehr, entschuldigte den langsamen Fortschritt mit Verweis auf die Siemensbahn. Die S-Bahnteilstrecke wird wieder aufgebaut und bindet "Das Neue Gartenfeld" an. Die Idee: Verlängerung nach Hakenfelde. In einer Machbarkeitsstudie werden drei mögliche Trassen untersucht. Auch die Straßenbahnplanung sei momentan noch nicht so weit. Er bestätigte: Der Bezug der Insel werde eher stattfinden, die Fertigstellung von S- und Straßenbahntrasse erst Jahre später. 2022 soll die Vorzugsvariante für die Tram zumindest festgezurrt sein. „Dann wissen wir, wie die Trasse verlaufen wird.“  Bis sie in Betrieb geht,  bleibt nur Plan B. Der Bus.

Was es mit dem Quartierswerk Gartenfeld auf sich hat

Update vom 18. Januar 2022: Der nächste Meilenstein ist geschafft. Anfang Dezember haben die Planungsgemeinschaft Das Neue Gartenfeld GmbH & Co.KG als Bauherren mit der ENGIE Deutschland GmbH und der GASAG Solution Plus GmbH einen Vertrag geschlossen. Beide Energiedienstleister werden als eigenständiges Quartierswerk Gartenfeld die Energieversorgung des neuen Quartiers planen, bauen und betreiben sowie umfangreiche Versorgungsdienstleistungen für die Smart City erbringen.

Entwurf der ASTOC Architekten für das 43. Baufeld: Hier realisiert die BUWOG 140 Wohnungen über einem Nahversorger. Quelle: BUWOG
Entwurf der ASTOC Architekten für das 43. Baufeld: Hier realisiert die BUWOG 140 Wohnungen über einem Nahversorger. Quelle: BUWOG

Die Partner investieren einen hohen zweistelligen Millionenbetrag in nachhaltige Strom-, Wärme- und Kälteversorgung, Brauchwassermanagement, E-Ladelösungen, Parkplatz-Management und Sharing-Angebote, heißt es in einer Pressemitteilung. Das Quartier wird digital vernetzt. Insgesamt lautet das anspruchsvolle Ziel: „Das Neue Gartenfeld wird durch den synergetischen Ansatz, die nachhaltige Energieversorgung und die Digitalisierung den von der Bundesregierung gesetzten Klimazielen für 2040 um zehn Jahre voraus sein.“ Die Kombination von Kraft-Wärme-Kopplung und regenerativen Energien werde pro Jahr mehr als 1.100 Tonnen CO2 sparen. Es soll ein bedarfsorientiertes, emissionsarmes und mobilitätsstarkes Stadtquartier entstehen.

Zu den wesentlich Punkten gehören:

Der wesentlichste Knackpunkt bleibt bestehen: Die Verkehrsanbindung des Quartiers

Derzeit läuft die Abwägung der erneuten Beteiligung der Träger öffentlicher Belange. Voraussichtlich im Sommer 2022 beginnt die Beteiligung der Öffentlichkeit. Es wird erwartet, dass der Bebauungsplan dann Ende 2022 festgesetzt wird. Ob sich der Zeitplan halten lässt, ist immer noch offen. Unklar zudem weiterhin: die Anbindung der Insel an den öffentlichen Nahverkehr. Die Siemensbahn soll einen Haltepunkt Gartenfeld bekommen. Die Reaktivierung der historischen Bahnstrecke und der Anschluss an die S-Bahn ist Teil des Investitionsplans „i2030“ von Berlin, Brandenburg, der Deutschen Bahn und des Verkehrsbundes Berlin-Brandenburg (VBB) für eine bessere Schienen-Infrastruktur. Gerungen wird um den Verlauf einer Straßenbahntrasse. Bis die Tramstrecke fertig ist, werden die Bewohner auf Busse angewiesen sein.

Spatenstich für die Tegeler Brücke. Quelle: Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV)
Spatenstich für die Tegeler Brücke. Quelle: Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV)

Beim Bau der Tegeler Brücke über den Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal geht es dagegen voran. Rund 20.000 PKWs nutzen pro Tag die Verbindung zwischen Spandau und Reinickendorf über die Insel Gartenfeld auf der Gartenfelder Straße. Im Norden passieren sie dabei die Tegeler Brücke, im Süden die Gartenfelder Brücke. Die Brücken sind derzeit der einzige Weg auf die Insel und wieder runter – und damit die Nadelöhre, durch die sich der Verkehr fädeln muss. Die Straße bildet die östliche Grenze des neuen Quartiers.

Im Dezember erfolgte der erste Spatenstich für den Neubau der Brücke. Sie soll im Frühjahr 2023 fertig sein. Der Verkehr wird derweil über eine Ersatzbrücke geleitet. Bei dem Projekt handelt es sich um ein gemeinsames Vorhaben zwischen der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes und des Landes Berlin. Auf Berliner Wunsch wird die neue Brücke zwei Meter breiter als die alte. Sie bietet damit genügend Platz für Rad- und Gehwege auf beiden Seiten. Der Radfernweg Berlin-Kopenhagen wird unter der Brücke hindurchführen. Die Straße muss nun nicht mehr überquert werden. Die Kosten für das gesamte Projekt betragen rund 20 Millionen Euro.

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