Ideologie im Städtebau: Mehr oder weniger Vielfalt für den Molkenmarkt in Berlin?

Ideologie im Städtebau: Mehr oder weniger Vielfalt für den Molkenmarkt in Berlin?

Ideologie im Städtebau: Mehr oder weniger Vielfalt für den Molkenmarkt in Berlin?
Der Molkenmarkt soll zum lebendigen urbanen Quartier werden. Copyright: Senat Berlin

Die Hauptstadt will ihre historische Mitte reparieren und hinter dem Roten Rathaus ein neues Wohnquartier errichten lassen. Kurz nachdem die Ergebnisse eines städtebaulichen Wettbewerbes für das Areal bekanntgegeben wurden, war IMMOBILIEN AKTUELL bei einer Anhörung zum Quartier am Molkenmarkt im Ausschuss für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen dabei und erlebte ein Paradebeispiel für Ideologie im Städtebau.

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Im Koalitionsvertrag heißt es: „Für den Molkenmarkt streben wir eine kleinteilige Bebauung mit vielfältiger Nutzung und sehr guter Architektur an.“ Doch Gerhard Hoya von der Gesellschaft Historisches Berlin befürchtet, dass am Ende genau das Gegenteil realisiert wird. „Am Molkenmarkt droht ein unattraktives Stadtviertel zu entstehen“, sagte er in einer Anhörung verschiedener Akteure im Ausschuss für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen. Die Koalitionsparteien Grüne, Linke und SPD hatten das Thema Molkenmarkt und Umgebung auf die Tagesordnung gesetzt, um sich einen Überblick über den Stand der Diskussion zu schaffen. Die CDU hatte die Anhörung um die Frage erweitert: Ist die historische Mitte noch zu retten? Eines wurde deutlich: Am Molkenmarkt scheiden sich die Geister.

Am Molkenmarkt scheiden sich die Geister: Historizität versus Modernität

Die historische Mitte wieder herzustellen, ist seit mehr als zwei Jahrzehnten ein Dauerprojekt in Berlin. Dazu gehört als wichtiger Baustein der Molkenmarkt. Im städtebaulichen Wettbewerb haben im vergangenen Jahr gleich zwei Entwürfe mit sehr unterschiedlichen Ansätzen den ersten Preis errungen: Das Planungsteam Bernd Albers, Gesellschaft von Architekten/Vogt Landschaftsarchitekten setzt auf viele historische Bezüge. OS arkitekter/cka czyborra klingbeil plant ein Viertel mit Schwerpunkt auf modernem Holzbau.

Zu den Siegerentwürfen

Die Unentschiedenheit zwischen Historizität und Modernität bei der Preisvergabe zeigt das Dilemma. Hinzu kommt das politisch formulierte Ziel, auch auf diesem Areal eine erhebliche Anzahl an Sozialwohnungen zu schaffen. Theresa Keilhacker, Präsidentin der Architektenkammer, lobte die Möglichkeit, ein zukunftsweisendes, vielfältiges Quartier zu bauen – mit allem, was heute politisch und ökologisch auf der Agenda steht.

Doch die Kritik fiel heftig aus. Benedikt Goebel, Vertreter der Planungsgruppe Stadtkern des Bürgerforums Berlin, nahm kein Blatt vor den Mund: Bei der historischen Mitte habe der Senat beim  Falschmachen wenig ausgelassen. So fehle es an einem zukunftsweisenden Verkehrskonzept: Die von täglich rund 66.000 PKW befahrene Grunerstraße sei nicht verengt, sondern lediglich verschwenkt worden. Das bedeutet eine hohe Lärmbelastung.

Er kritisiert in diesem Zusammenhang auch, dass im B-Plan der eigentliche Molkenmarkt als ältester Platz nicht vorkomme, sondern eine abknickende Hauptstraße sei. Und nicht nur das: „Ein Wiederaufbau des Grauen Klosters als herausragendes kunsthistorisches Bauwerk im ganzen Kulturraum Berlin-Brandenburg, ist im B-Plan nicht vorgesehen. Dabei wäre es der zentrale Leuchtturm dieses Quartiers.“  

Landeseigene Wohnungsunternehmen als Kernproblem

Vorgaben für Firsthöhe und Bruttogeschossfläche müssten reduziert werden – und damit der Baudruck. Die Tatsache, dass hier maßgeblich nur die landeseigenen Wohnungsunternehmen bauen dürfen, sei ein Kernproblem für ein lebendiges, vielfältiges Quartier, betonte der Stadtforscher. Seiner Ansicht nach müsste es für die einst 88 Parzellen auf dem Areal auch 88 Bauherren geben, um Vielfalt zu erzeugen. Im B-Plan sind nur noch 50 Parzellen ausgewiesen. Ohnehin sind als Bauherren lediglich, die WBM und die degewo für die landeseigenen Grundstücke und die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) vorgesehen.

Mit K44, Eigentümer des ehemaligen Post-Gebäudes in der Klosterstraße, ist ein einziger privater Bauherr im Boot. Das Bürgerforum Berlin hat eine Petition für mehr Vielfalt am Molkenmarkt, Vielfalt der Parzellierung, Vielfalt der Bauherren, Vielfalt der Architektur, Vielfalt der Nutzung initiiert, die genau das fordert – aber bislang kaum Gehör gefunden hat. Zu den Erstunterzeichnern im Oktober vergangenen Jahres zählten Prominente wie Lea Rosh und Wolfgang Thierse. Auch die ehemaligen Bürgermeister Walter Momper und Eberhard Diepgen unterschrieben.

Für die Initiative Offene Mitte zählt dagegen mehr die Hoffnung auf preisgünstige Mieten an einem der prominentesten Innenstadt-Areale. Matthias Grünzig begrüßte als deren Vertreter ausdrücklich die beschränkte Bauherrenschaft: „Wir finden es sehr gut, dass diese Gesellschaften hier bezahlbaren Wohnraum bauen sollen.“ In einer Stadt, in der immer über die Verdrängung Geringverdienender aus der Innenstadt diskutiert werde, sei dies ein wichtiges Signal. „Wir sind sehr zuversichtlich, dass diese Bauherren ein vielfältiges Quartier gestalten werden.“ 


 

Interview zum Quartier am Molkenmarkt

 


Quartier am Molkenmarkt: Hohe Anforderungen und hohe Kosten

Eine Gefahr seien eher die hohen Baukosten, weil an dieses Quartier hohe Anforderungen gestellt werden. Die Forderungen nach historischer Parzellierung sehen er und seine Mitstreiter kritisch, weil Kleinteiligkeit zu höheren Kosten und damit am Ende zu höheren Mieten führen könnte. „Wir sehen die Gefahr, dass am Ende doch hochpreisige Räume entstehen, die nur eine exklusive Klientel bezahlen kann. Und das wäre das Gegenteil von Vielfalt.“ Die sehr verwinkelte Parzellenstruktur aus der Vergangenheit würde zudem die vielfältige Nutzbarkeit der Häuser einschränken. Vielfalt ließe sich durch die spätere Nutzung herstellen.

Gerhard Hoya von der Gesellschaft Historisches Berlin sieht das anders und sprach von „Klassenkampf“. Dass auch im Molkenmarkt-Viertel 50 Prozent der Wohnungen als Sozialwohnungen errichtet werden sollen, kritisiert er als völlig überzogen. „Sozial ist, was gesellschaftlich Anklang findet“, betonte er, „was als schön und harmonisch empfunden wird. Mit zweckrationaler, billiger Gestaltung lassen sich die Ansprüche nicht erfüllen.“ Er forderte einen Bezug zur historischen Bebauung durch Leitbauten wie der Schule Graues Kloster, die Orientierung an Beispielen für Altstadt-Rekonstruktionen wie in Frankfurt am Main, Dresden oder Potsdam.

Keine Vielfalt durch Kleinteiligkeit

Zu einer historischen Kleinteiligkeit gab Theresa Keilhacker zu bedenken: „Wenn man zu kleinteilig wird, da hat man doppelte Erschließungskerne, die Treppenhäuser und einen zweiten Fluchtweg auf sehr, sehr schmalen Parzellen.“ Das sei unwirtschaftlich. „Ich kann davon nur abraten.“ Auch die Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt sprach sich gegen Vielfalt durch Kleinteiligkeit aus. „Wir haben die Möglichkeit von einem Grundstückseigentümer ausgehend, die Blöcke zu organisieren.“ Die beiden Preisträger im städtebaulichen Wettbewerb sollen nun anhand einzelner Häuser und Wohnungsgrundrisse zeigen, welche diversen Wohnformen möglich sind. Am 14. April ist ein Zwischenkolloquium geplant. Welcher Entwurf am Ende das Rennen macht, wird die Jury im Juli entscheiden.

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