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Neues Bahnhofsviertel nimmt Fahrt auf

Auf 30 Hektar Fläche in bester innerstädtischer Lage soll in Erfurt die ICE-City entstehen, ein gemischtes Quartier mit Büros, Hotel, Gewerbe und Wohnen. Nach einem gemächlichen Start kommt nun zunehmend Bewegung in das Projekt.

Auf 30 Hektar Fläche in bester innerstädtischer Lage soll in Erfurt die ICE-City entstehen
Von Kristina Pezzei/Jan Zimmermann, 01.07.2019

Es ist ein Filetstück, von dem viele unter Grundstücksmangel leidende Städte träumen dürften: 30 Hektar umfasst das Gewerbe- und Brachland in unmittelbarer Nähe zum Erfurter Hauptbahnhof, das die LEG Thüringen unter der Marke ICE-City entwickeln und vermarkten möchte – eine „Jahrhundertchance für Erfurt und die ganze Region“, wie es LEG-Geschäftsführerin Sabine Wosche bezeichnet. Nach der Vorstellung der Planungen für ein neues Bahnhofsviertel bei der vorvergangenen EXPO REAL in München war es zunächst etwas still um die ICE geworden. Die Gründe hierfür lagen in Reibungsverlusten im Planungsverlauf, schwierigen Besitzverhältnissen – ein Großteil der Flächen gehört nicht der LEG, sondern der Deutschen Bahn – sowie in Planungsänderungen bezüglich Rettungszufahrten oder zulässigen Höhen geplanter Hochhäuser. Doch nun nimmt die Quartiersentwicklung gehörig an Fahrt auf.

Der Spatenstich für das erste Projekt erfolgte bereits im Sommer letzten Jahres. Auf der Ostseite des Hauptbahnhofes, gleich im Anschluss an das IC-Hotel, errichtet die May-Gruppe aus Itzehoe das prizeotel Erfurt-City. Das Zwei-Sterne-Hotel der Kategorie Economy Design mit mehr als 200 Zimmern soll Ende dieses Jahres eröffnen, die Kosten für das Vorhaben auf dem 4.000 Quadratmeter großen Grundstück sollen bei etwa 16 Millionen Euro liegen. Die bislang mit vier Standorten in Deutschland vertretene Kette betritt mit der Investition in Erfurt den ostdeutschen Markt. 

LEG-Geschäftsführerin Sabine Wosche erhofft sich von dem Pilotprojekt einen Schub für die Gesamtentwicklung der ICE-City. Mit Blick auf die erwartete Nachfrage dank der neuen strategischen Lage der thüringischen Landeshauptstadt als Verkehrsknotenpunkt sollen vor allem Kapazitäten für das Tagungs- und Kongressgeschäft ausgebaut werden. Einen wichtigen Baustein bildet hier der „Tower West“, der an der Schmidtstedter- und Kurt-Schumacher-Straße den westlichen Eckstein der ICE-City Ost markiert. Die LEG hat bereits einen Zuschlag an die Bremer Atlantic Hotel Gruppe respektive Zech Group für den 50 Meter hohen Hotelturm mit Kongressbereich erteilt. Momentan wird ein hochklassiger internationaler Einladungswettbewerb vorbereitet, der noch in diesem Jahr abgeschlossen werden soll.

Auch für den „Tower Ost“ auf der gegenüberliegenden Seite des Gera-Flutgrabens liegt eine konkrete Bewerbung eines renommierten Investors vor. „Dieses Investitionsinteresse eines namhaften Investors stellt unter Beweis, dass der Standort ICE-City-Erfurt inzwischen zu einer nachgefragten Adresse im Office-Sektor wird“, findet der Leiter des Amtes für Stadtentwicklung und Stadtplanung der Stadt Erfurt, Paul Börsch. Gleich neben dem 60 Meter hohen Büroturm will die Deutsche Bahn einen neuen Bürokomplex zur Eigennutzung mit mehreren Hundert Arbeitsplätzen errichten, der bis zur verlängerten Rathenaustraße reichen soll. Das Bebauungsplanverfahren für diesen großen Bereich der ICE-City Ost einschließlich des „Tower Ost“ ist mittlerweile im vollen Gange. „Damit sind Anfangs- und Endpunkt des Büroquartiers bereits mit Schlüsselinvestitionen besetzt“, sagt Paul Börsch. 

Von der Lage des Gebäuderiegels hängen weiterreichende Planungen etwa für Wohngebiete auf nachgelagerten Grundstücken ab; die Bahn-Häuser könnten als Lärmschutzriegel dienen. Auch ein Parkhaus ist auf diesen direkt an die Schienen anliegenden Flächen geplant, dazu hat die LEG von der Bahn ein etwa 4.700 Quadratmeter großes Grundstück erworben. „Mit dem Parkhaus schaffen wir eine der Grundlagen für die verkehrliche Erschließung und die Lösung der Aufgaben des ruhenden Verkehrs“, sagt Sabine Wosche.

Die Nachfrage nach weiteren Büros sei gegeben, ist LEG Immobilien-Abteilungsleiter Alexander Bischler überzeugt und hält eine Zielmarke von 50.000 Quadratmetern für realistisch. „Der Leerstand ist drastisch zurückgegangen in diesem Segment, und wir brauchen Möglichkeiten für Unternehmenszentralen, ihre Hauptsitze nach Erfurt zu verlagern.“ Er sieht hier nicht nur den Bahnhof mit seiner neuen Knoten-Funktion als Impulsgeber, sondern verweist auf die steigende Attraktivität des Erfurter Kreuzes. Es sei zu erwarten, dass perspektivisch nicht nur Produktionsstätten in der Region angesiedelt würden, sondern Unternehmen auch mit ihrer Zentrale hierherzögen. Ein Beispiel hierfür bildet die Sparkasse Thüringen. Diese beabsichtigt, 2021 als Auftakt zur ICE-City West auf Flächen neben dem Busbahnhof ein siebengeschossiges neues Bürogebäude als Verwaltungssitz nach Entwürfen des Büros Junk+Reich Architekten zu errichten.

Paul Börsch bekräftigt die Bestrebungen, Möglichkeiten für die Ansiedlung großer Unternehmen zu schaffen. Als Tourismus-Destination sei die Stadt bekannt und hervorragend aufgestellt, nun gelte es, das Profil als Wirtschaftsstandort zu stärken. „Wir sehen das als große Chance und als Herausforderung“, sagt Paul Börsch. Es sei keine leichte Aufgabe, in den östlichen Bundesländern außerhalb der Metropolen neue zukunftsfähige Büroquartiere und Businessstandorte zu etablieren. Im Regelfall bedürfe dies einer Startinvestition der öffentlichen Hand als Initialzündung.
 

Paul Börsch zufolge sind auf dem Gelände, das nicht unmittelbar an den Schienentrassen liegt, bis zu 2.000 Wohnungen geplant beziehungsweise bereits in Bau. Einen wichtigen Bereich für die Gesamtstadt stellt darüber hinaus ein drei Hektar großes Areal westlich des Hauptbahnhofs dar, das sich im Besitz der Berliner Krieger Gruppe befindet. Deren Eigner, Bauunternehmer Kurt Krieger, hat einen Verkauf an die LEG in Aussicht gestellt, wenn im Gegenzug ein B-Plan für die Erweiterung seines Thüringenparks vor den Toren der Stadt aufgestellt würde. Dagegen regt sich jedoch seit langem Widerstand von Bündnissen, die lieber die Einzelhändler in der Innenstadt stärken möchten. Der Stadtrat hat inzwischen mit großer Mehrheit die Verwaltung damit beauftragt, das Bebauungsplanverfahren für eine deutlich reduzierte Erweiterung des Thüringenparks um nunmehr 4.500 Quadratmeter Verkaufsfläche einzuleiten. Ferner wird – anders als in vorigen Planungsüberlegungen – der Erhalt und die Einbeziehung des mittlerweile denkmalgeschützten Baubestands der ehemaligen königlichen Bahnwerkstätten in den neuen Kontext „ICE-City“ dem weiteren Verfahren zugrunde gelegt.

Aufgrund des Bebauungsplanverfahrens konnten die Verträge, die den Verkauf des Kriegerschen Geländes an die LEG regeln, verlängert werden. Derweilen ist die LEG in die Beplanung des Areals ICE-City West eingestiegen. 2020 wird unterdessen bereits das „Promenadendeck“ in Bau gehen, das ICE-City Ost und -West verbinden soll. Der Förderbescheid für die Fußgänger- und Radbrücke, die nach einem Entwurf des preisgekrönten Stuttgarter Büros schlaich bergermann partner (sbp) gebaut wird, wurde kürzlich von der Ministerin für Infrastruktur und Landwirtschaft, Birgit Keller, an die Stadt überreicht.
 
 

Foto: Nicht nur bei Nacht soll die ICE-City erstrahlen. Quelle: winkelmüller architekten mit Machleidt, Städtebau + Stadtplanung und sinai Landschaftsarchitekten

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