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Projekt Fischerinsel: Zankapfel und archäologische Fundgrube mitten in Berlin

Nach jahrelangem Streit wird jetzt auf der Fischerinsel in der Berliner City gebaut. Doch bevor es richtig losgehen kann, legen Archäologen noch letzte Zeugnisse aus den Anfängen der Stadt frei. Zu den bemerkenswerten Funden zählt eine Latrine aus dem 14. Jahrhundert.

Nach jahrelangem Streit wird jetzt auf der Fischerinsel in der Berliner City gebaut. Doch zuvor legen Archäologen letzte Zeugnisse aus den Anfängen der Stadt frei. Zu den bemerkenswerten Funden zählt eine Latrine aus dem 14. Jahrhundert.
Von Mara Kaemmel, 01.06.2021

Die Bagger sind  in der Baugrube bereits zugange, direkt daneben arbeiten die Archäologen. Noch bis zum Sommer sichern sie mitten in der Berliner City – auf dem Grundstück Fischerinsel an der Ecke Mühlendamm – Artefakte aus 800 Jahren Siedlungsgeschichte.

Latrine aus dem 14. Jahrhundert sorgt für Furore

Im April gerieten die Ausgrabungen in die Schlagzeilen, weil eine Latrine aus dem Mittelalter geborgen worden war. Jens Henker, Gebietsreferent Bodendenkmale im Landesdenkmalamt Berlin, erklärt: „Das Besondere an dieser Latrine aus dem 14. Jahrhundert ist, dass sie nicht aus Holz gebaut, sondern aus Stein gemauert ist.“  Das historische Klo ist damit ein bemerkenswerter Fund, aber nicht der einzige.

Das von der Spree umflossene Areal befindet sich unmittelbar am Gründungskern der einstigen Doppelstadt Berlin-Cölln, unweit vom Petriplatz und der Petrikirche. Da es so nah am Wasser liegt, haben die damaligen Bewohner die Flussniederung befestigt. Sie nutzten dafür Hölzer, die anderswo nicht mehr zu verwenden waren. Diese Reste sind bei den Grabungen zum Vorschein gekommen.

Archäologische Grabungen an der Fischerinsel. Copyright: Mara Kaemmel

„Die Leute haben jede Menge Hausmüll abgekippt“, berichtet Jens Henker. Wie in vielen anderen Grabungsstätten wurden Keramikscherben gefunden, aber auch Münzen und Hinterlassenschaften eines Kamm-Machers, an denen sich der gesamte Produktionsprozess vom Knochen bis zum fertigen Produkt nachvollziehen lässt. Die Archäologen sind am Nordrand der Baugrube darüber hinaus auf ein massives, knapp ein Meter breites Fundament gestoßen. Es lässt darauf schließen, dass hier bereits im Mittelalter ein gemauertes Gebäude  gestanden hat. „Gebäude aus Stein waren im Mittelalter selten. Wir nehmen daher an, dass hier wohlhabende Menschen gelebt haben.“

Hochhausplanung für Fischerinsel wurde nicht realisiert

Ein Blick in den Innenhof des geplanten Neubaus. Copyright: blauraumIn unmittelbarer Nähe befand sich auch der Köllnische Fischmarkt. Der Name Fischerinsel ist jedoch eine Erfindung der DDR-Stadtplaner, die auf diesem Zipfel der Spreeinsel in den 1970er Jahren alle Altbauten abreißen und ein modernes Quartier mit sechs Hochhäusern errichten ließen. Wo derzeit die historischen Fundamente freigelegt werden, wollte die Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) bereits vor Jahren ein siebentes Hochhaus mit 19 Stockwerken errichten: als circa 60 Meter hohen Kopfturm einer u-förmigen Blockrandbebauung.

Mit diesem Entwurf hatte 2015 das Berliner Architekturbüro DMSW  den Wettbewerb von Senat und WBM gewonnen. Bereits 2016 sollte der Bau beginnen. Das Projekt stieß jedoch auf heftigen Widerstand der Anwohner. Kritisiert wurde nicht nur die Höhe des Gebäudes und damit die Verschattung des dahinterliegenden Hochhauses sowie der Wegfall der Parkplätze, sondern auch die vertane Chance, die historische Mitte wiederzubeleben. Am Ende musste das gesamte Projekt neu geplant werden.

Fischerinsel erhält achtgeschossigen Neubau mit über 200 Wohnungen

Blick auf die Baugrube auf der Fischerinsel. Copyright: Mara KaemmelRealisiert wird nun der drittplatzierte Entwurf der Architekten Blauraum. Der achtgeschossige Neubau soll 2023 fertig sein. Er bietet dann 210 Wohnungen, Räume für eine kleine Kita, Flächen für kleinteiliges Gewerbe, ein Café und einen begrünten Innenhof. Die Hälfte der Wohnungen müssen gemäß der Kooperationsvereinbarung mit dem Senat zu geförderten Mieten von 6,50 Euro vergeben werden. 49 Wohnungen werden möbliert  vermietet, davon sieben an Studenten-WGs.

Es ist zu erwarten, dass die Wohnungen in Laufnähe zum Berliner Schloss, dem Gendarmenmarkt und der Humboldt-Universität auf großes Interesse stoßen. Christoph Lang, Pressesprecher der WBM, erklärt: „Wir führen keine Wartelisten, sondern beginnen circa drei Monate vor Fertigstellung damit, die Wohnungen auf unserer Webseite und entsprechenden Maklerportalen zu veröffentlichen.“  

Die Latrine aus dem Mittelalter wird die Neubau-Bewohner später daran erinnern, auf welch historischem Grund sie wohnen.  Jens Hecker vom Landesdenkmalamt sagt: „Sie wird restauriert und dort in einer der Grünanlage aufgestellt.“  Alle übrigen Funde gehen an das Museum für Vor- und Frühgeschichte. Die Sammlung befindet sich im Neuen Museum auf der Museumsinsel.

Copyright Aufmacherfoto: blauraum

Quartier Pankower Tor bringt Berlin 2.000 Wohnungen

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