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Stadtquartier "Buch - Am Sandhaus": Die Entscheidung für einen Entwurf ist gefallen

In Berlin-Buch plant die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen eines von 16 neuen Stadtvierteln. Warum die Entscheidung für das Konzept des Architekturbüros Studio Wessendorf und Grieger Harzer Landschaftsarchitekten von Bürgern kritisiert wird.

In Berlin-Buch plant die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen ein neues Stadtviertel. Warum die Entscheidung für das Konzept des Architekturbüros Studio Wessendorf und Grieger Harzer Landschaftsarchitekten von Bürgern kritisiert wird.
Von Mara Kaemmel, 12.07.2021

Kiefernwald, Felder, die Moorlinse und das ehemalige Krankenhaus der Staatssicherheit – aus der Vogelperspektive ist das 57 Hektar große Areal für das neue Stadtquartier in Berlin-Buch gut zu überblicken: Ab 2024 sollen hier im Norden der Hauptstadt zwischen 2.400 und 3.000 Wohnungen, Kitas und eine Grundschule entstehen.

Wie die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen jetzt bekannt gab, ist das Urteil der Fachjury gefallen: Im städtebaulichen Wettbewerb hat sich der Entwurf des Architekturbüros Studio Wessendorf und Grieger Harzer Landschaftsarchitekten durchgesetzt. „Ziel ist das 'Smarte Quartier', das eine effiziente Energieversorgung auf Basis erneuerbarer Energien und einen ressourcenschonenden Umgang mit Baumaterialien beinhaltet“,  heißt es im Entwurf. Möglichst viele Neubauten sollen in Hybrid- oder Holzbauweise realisiert oder ausgestaltet werden, so dass ein flexibles Reagieren auf Nutzungsänderungen möglich ist.

Stadtviertel Buch - Am Strandhaus wird aus drei Quartieren bestehen

Das Konzept sieht vom S-Bahnhof Buch entlang der Straße Am Sandhaus drei unterschiedliche Quartiere vor: Ein Straßendorf, ein Quartier an der Moorlinse und ein Waldquartier mit relativ hohen Punkthäusern und Blöcken. Der Entwurf dient als Basis für den Masterplan, der bis Herbst fertig sein soll. Ob Teile des alten Stasi-Krankenhauses in das Projekt integriert werden können, etwa die ehemalige Mensa als Veranstaltungsort oder Waldkantine, soll ein Gutachten klären. Derzeit geht die Senatsverwaltung von einem Abriss des Krankhauskomplexes aus.

Sebastian Scheel (Die LINKE), Senator für Stadtentwicklung und Wohnen, lobte in einer Pressemitteilung die Nachhaltigkeit des Entwurfes aus ökologischer und wohnungspolitischer Sicht.  Lars Loebner, Leiter des Sonderreferates Wohnungsbau betonte: „Das Verfahren war ein für alle Seiten lernender Prozess. Die Vorschläge und Anregungen aus der Bürger:innenbeteiligung vor Ort flossen in die Entwurfsplanungen ein.“  

Kritik: Entwurf mit größtem ökologischen Fußabdruck erhält Zuschlag

Kritik an der Entscheidung und dem Beteiligungsverfahren kommt dagegen von der „Initiative Buch Am Sandhaus“. Ein derartiges Verfahren ist in Berlin inzwischen die Regel. Die Bürger waren im Januar zu einem Quartierspaziergang eingeladen, um deren Wünsche einzusammeln. Danach konnten sie im März, April und Juni einige Tage lang die drei Entwürfe im Wettbewerb online kommentieren. Neben dem Siegerentwurf standen auch Konzepte von rheinflügel severin und A24 Landschaft sowie von Machleidt und RW Landschaftsarchitekten zur Wahl. In der Fachjury waren die Bürger mit einer von elf Stimmen vertreten.

Gisela Neunhöffer, Sprecherin der Initiative, sagt enttäuscht: „Es hat am Ende der Entwurf mit dem größten ökologischen Fußabdruck den Zuschlag erhalten.“  Das Konzept habe in der dritten Online-Bürgerbeteiligung zu verschiedenen Fragen nur ein bis zwei Prozent der Stimmen erhalten und sei in vielen Kommentaren eindeutig abgelehnt worden. Auch die Kritik des Umweltamtes Pankow, der Berliner Landesforstbehörde sowie der Umwelt- und Naturschutzverbände sei ignoriert worden.

Das Areal für das neue Stadtquartier "Buch - Am Sandhaus" liegt in Pankow, dem Berliner Bezirk mit dem stärksten Bevölkerungswachstum. Ein Großteil der Fläche gehört dem Land Berlin. Um die Prozesse zu beschleunigen, hat die Senatsverwaltung 2020 das Planverfahren an sich gezogen. Denn die Wohnungen werden dringend gebraucht. Neben Landeseigenen Wohnungsunternehmen ist auch die Deutsche Wohnen an dem Projekt beteiligt. Ihr gehören die Flächen der ehemaligen Landesgesellschaft GSW und damit rund ein Viertel des Planungsgebietes.

Partizipation am Projekt "Buch - Am Sandhaus" kaum mehr als ein „Feigenblatt“

Gisela Neunhöffer sieht das Problem Wohnraummangel, wirbt jedoch für einen Paradigmenwechsel. „Das Projekt ist überdimensioniert. Soziale und ökologische Kriterien müssen Vorrang haben.“ Die Bürgerinitiative hatte deshalb einen eigenen Entwurf mit 1.000 Wohnungen dagegen gesetzt. Doch die Größe ist nicht der einzige Kritikpunkt: Die vorgesehene Bebauung im Siegerentwurf reiche zu weit an die Moorlinse heran, einer mit Grund- und Schichtenwasser gefüllten Senke und Brutgebiet vieler Vögel. „Noch nicht einmal die Existenz der Kinder- und Jugendprojekte, für die ein Entgegenkommen suggeriert wurde, ist bisher dauerhaft gesichert.“ Sie empfinde das erbetene Engagement der Bürger inzwischen als partizipatorisches Feigenblatt der Politik.

Auch das Verkehrskonzept im neuen Stadtviertel ist bislang ungeklärt und eine Herausforderung. Das neue Wohngebiet "Buch - Am Sandhaus" ist zwar über den Bahnhof Buch an die S-Bahnlinie 2 angeschlossen, aber die Züge sind bereits jetzt im Berufsverkehr voll und das Stadtviertel nicht das einzige Bauprojekt entlang der Strecke. Im Stadtteil Buch werden insgesamt 4.000 Wohnungen geplant, im Blankenburger Süden bis zu 6.000 und am Pankower Tor weitere 2.000.

Aufmacherfoto: Stadtentwicklung Berlin/Studio Wessendorf und Grieger Harzer Landschaftsarchitekten

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