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Gegen das Vergessen

640 Wohnungen, 90 Kitaplätze, ein Café, Büros und Geschäfte: Das neue Stadtquartier auf dem Areal der früheren Deutschen Kabelwerke AG in Friedrichshain steht vor seiner Vollendung. Grünes Herzstück des Viertels ist ein 6.000 Quadratmeter großer öffentlicher Park, benannt nach einem bedeutenden Berliner Industriepionier. 

Das neue Stadtquartier auf dem Areal der früheren Deutschen Kabelwerke AG steht vor seiner Vollendung
Von Matthias Klöppel, 13.05.2019

Siegfried Hirschmann – der Name dürfte nur noch versierten Industriehistorikern ein Begriff sein. Dabei ist die Vita des 1863 geborenen jüdischen Unternehmers eng mit dem Aufstieg Berlins zur führenden deutschen Industriemetropole verbunden. Ende des 19. Jahrhunderts gründete er in Boxhagen, heute zum Ortsteil Friedrichshain gehörig, seine erste Fabrik, mit der er rasch erfolgreich wurde: Die Deutschen Kabelwerke fertigten Elektro-, Kabel- und Automobiltechnik, unter anderem für die lokale S-Bahn. Später erweiterten Gummi- und Kunststoffprodukte wie Reifen das Portfolio. In den 1920er Jahren wurden auch motorisierte Dreiräder, die sogenannte Cyklonette, hergestellt. 

All diese Leistungen und Meriten machten Siegfried Hirschmann zu einem bedeutenden Industriepionier, zählten nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten aber nichts mehr. Der Fabrikant und seine Familie wurden enteignet, verfolgt und verhaftet, mehrere seiner Schwestern wurden im KZ Theresienstadt ermordet. Siegfried Hirschmann emigrierte 1939 mit seiner Frau Frieda nach Guatemala, wo er drei Jahre danach aus dem Leben schied. An einem seiner fraglos wichtigsten Wirkungsorte besteht das Andenken an ihn inzwischen weiter – durch eine besondere Namensgebung. 

Vom Industriegelände zum Wohnviertel 

„Wir möchten nicht nur bauen, sondern auch erinnern, an die Geschichte dieses Bauplatzes und die persönlichen Schicksale, die diese geprägt haben.“ Mit diesen Worten bezieht sich Dr. Jürgen Leibfried, Gründer und Vorstand der BAUWERT AG, auf das Areal, auf dem Siegfried Hirschmann die Deutschen Kabelwerke etabliert hatte. Zu DDR-Zeiten befanden sich darauf die VEB Gummiwerke, nach dem Mauerfall wirkte dort der Autozulieferer Freudenberg. Als der 2011 nach Adlershof umzog, erwarb BAUWERT das 26.000 Quadratmeter große Gewerbegrundstück. 

Der Projektentwickler hat 260 Millionen Euro investiert, um ein lebendiges Neubauviertel mit 640 Miet- und Eigentumswohnungen, Kindertagesstätte, verschiedenen Geschäften, Büroflächen und einem Café zu schaffen. Die Vorbereitungsarbeiten auf dem Bauplatz begannen Ende 2015 – bis zuletzt hatten eine Bürgerinitiative und der Verein Naturfreunde Deutschland versucht, den Bau zu stoppen. Das Richtfest erfolgte im Frühjahr 2017. Die Kita mit 90 Plätzen öffnete im vergangenen Oktober ihre Pforten. Im März werden nun die letzten Objekte im BOX SEVEN genannten, autofreien Quartier übergeben, spätestens im Herbst 2019 soll das gesamte Projekt seinen Abschluss finden. 

An die „persönlichen Schicksale“, die mit dem vormals industriell genutzten Terrain verbunden sind, erinnert der öffentlich zugängliche Stadtgarten im Zentrum des locker bebauten Viertels. Sein offizieller Name: Siegfried-Hirschmann-Park. Auch die angrenzenden Gebäude in den sechs Einzelquartieren, die sich um die Grünanlage gruppieren, haben diese Adresse. BAUWERT hatte die Benennung forciert, um so die persönliche Lebensleistung des Berliner Industriellen zu würdigen – und das Unrecht, das ihm und seiner Familie zuteil wurde, dem Vergessen zu entreißen. „Menschen wie er haben den Grundstein gelegt für die Entwicklung Berlins zu einer einzigartigen Metropole im Herzen Europas“, konstatiert Dr. Jürgen Leibfried. 

Und noch etwas bewahrt im BOX SEVEN das Andenken an Siegfried Hirschmann: Ende 2018 enthüllte man im Beisein seines Enkels Tomas Simon Hirschmann eine Gedenktafel für den Kabelwerke-Gründer, platziert im nach ihm benannten, 6.000 Quadratmeter umfassenden Park. Namensgebung und Tafel seien „eine bedeutende Sache für unsere Familie“, sagte damals Tomas Simon Hirschmann, der für den ehrenvollen Akt extra aus Guatemala angereist war. 

Zur Miete und im Eigentum 

Neben den beiden Reminiszenzen ist im neuen Quartier auch das Wohnangebot herauszuheben. Von den rund 420 Mietwohnungen – einen Großteil kaufte die PATRIZIA Immobilien AG – sind in Kooperation mit der landeseigenen HOWOGE Wohnungsbaugesellschaft mbH über 120 preisgedämpfte Wohnungen auf Mietbasis entstanden. 90 Prozent davon zu Einstiegsmieten ab 6,50 Euro pro Quadratmeter. 

BAUWERT-Vorstand Dr. Jürgen Leibfried hofft so, „eine vielfältige, sozial ausgewogene Nutzermischung zu erreichen“. Zusätzlich beherbergt das sechs- bis siebengeschossige Häuserensemble rund 190 Wohnungen zum Kauf. Die Preisspanne reicht von 207.000 bis 695.000 Euro. Die Eigentumswohnungen sind sehr gefragt, fast alle haben bereits einen neuen Besitzer. 

Begehrt sind zudem die 11.000 Quadratmeter Büro- und Einzelhandelsflächen. Erst kürzlich wurde vor Ort eine Gewerbeimmobilie an ein internationales Family Office übergeben, vertreten durch die Immpex Immobilien Consulting GmbH. Das Objekt ist vollvermietet, heißt es. Unter anderem hat das Medienunternehmen Viacom International Media Networks, zu dem Marken wie MTV und Comedy Central gehören, seinen Sitz vom Berliner Osthafen dahin verlegt. 

Von der Kabelproduktion hin zu modernen Medien – Tomas Simon Hirschmann findet, dass die Geschichte, die vor über 120 Jahren mit seinem Großvater ihren Anfang nahm und durch die Nationalsozialisten fast ausgelöscht worden wäre, durch das Neubauviertel im wahrsten Sinne des Wortes in Zement gegossen wurde. „Die Vergangenheit und der Schmerz sind vergeben“, sagte er anlässlich der neuen Gedenktafel, „aber sie sollen und dürfen niemals vergessen werden.“  

 

Abb. oben:  Visualisierung des BOX SEVEN in Berlin-Friedrichshain. Quelle: BAUWERT

 

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