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Microliving im KoDorf: 40 Tiny Houses für die Mittelmark

Die Münchner Genossenschaft VielLeben eG plant im brandenburgischen Wiesenburg / Mark ein Dorf aus Tiny Houses für Stadtmüde, die dennoch ihren modernen Lebenswandel nicht aufgeben wollen.

Eine Münchner Genossenschaft plant im brandenburgischen Wiesenburg / Mark ein Dorf aus Minihäusern für Stadtmüde, die ihren modernen Lebenswandel nicht gänzlich aufgeben wollen.
Von Redaktion Immobilien Aktuell Magazin / Jan Zimmermann, 20.12.2019

Die ganze Welt scheint auf Wanderschaft. Ihr Ziel: die Stadt. Urbanisierung ist neben der Digitalisierung der global-soziale Megatrend unseres Zeitalters. Großstädte locken mit Arbeit, einem reichen Angebot an Kultur und Freizeitgestaltung – oder auch jeder Menge Menschen zum Kennenlernen. Doch neben all diesen positiven Merkmalen sind die großen Metropolen auch, überspitzt ausgedrückt, stinkende, lärmende Moloche mit überteuerten Wohnpreisen.

Menschen, die aus der Stadt ab und an auf das Land in den Urlaub fahren, spüren das und sind oftmals innerlich zerrissen zwischen der Ruhe und natürlichen Schönheit des bisweilen langweiligen Landes einerseits und all den Verlockungen der häufig hässlichen, lauten und kostspieligen Stadt andererseits. Ein „dörferbauliches“ Experiment im ländlichen Wiesenburg / Mark verspricht nun für derartig Zerrissene, quasi das Gute mit dem Angenehmen beider Welten zu vereinen.

Das KoDorf: 40 Tiny Houses in Wiesenburg / Mark

40 Häuser von 22, 52 und 70 Quadratmetern Größe sollen das sogenannte KoDorf auf dem 10.000-Quadratmeter-Gelände des alten Sägewerkes einmal bilden. Klingt wie Microliving auf dem Lande. Tatsächlich entspricht das Konzept zumindest in gewissen Zügen modernen Formaten: Der eigentliche Wohnraum wird zugunsten geringerer Preise und zusätzlicher Gemeinschaftsflächen reduziert. Bloß steht kein Investor oder gewinnorientierter Projektentwickler hinter dem KoDorf, sondern eine entstehende Gemeinschaft aus Häuslebauern.

Jeder zukünftige Bewohner eines Hauses wird auch dessen Eigentümer sein. Die Hauspreise beginnen bei etwa 135.000 Euro. Große Familien oder Freunde können mehrere Gebäude nebeneinander erwerben. Für Liebhaber von Wohngemeinschaften soll ein WG-Haus entstehen. Daneben bieten acht Baumhäuser temporäre Unterkünfte für Gäste. Insgesamt sind maximal vier Häusertypen vorgesehen – aus wirtschaftlichen Gründen: Die Gebäude sind in Holzbauweise konstruiert und werden industriell vorgefertigt.

Das KoDorf verbindet die Ruhe der Natur mit moderner Infrastruktur

Initiator des KoDorfes ist die Münchner Genossenschaft VielLeben eG, die als Käufer des Grundstückes auftritt. Sie hat bereits ein 13 Häuser umfassendes Pilotprojekt in Hohenkirchen an der Ostsee namens MEERLEBEN initiiert. Während dort jedoch einige Städter praktisch ihr eigenes Feriendorf gründen, geht es beim KoDorf Wiesenburg um das „echte“ Leben auf dem Land oder, sagen wir, um ein Landleben 2.0. Schließlich soll das Dorf nicht die Stadt ersetzen, sondern das Positive beider Welten vereint werden.

„Mit dem KoDorf möchten wir einen Ort schaffen, der beides verbindet: Die Ruhe der Natur mit der für unseren heutigen Lebensstil notwendigen Infrastruktur“, sagen die KoDorf-Macher von VielLeben. „In einer inspirierenden Gemeinschaft Gleichgesinnter, die dennoch die Vielfalt feiert. In gesunder Architektur. Reduziert, aber mit allem bestückt, was ein gutes Leben ausmacht.“ Der Entwurf für dieses lebenswerte Dorf stammt von agmm Architekten + Stadtplaner, die bereits die Pläne für MEERLEBEN lieferten. Agmm-Gesellschafter Patric Meier ist gleichzeitig Vorstand und einer der drei Gründer der VielLeben eG.

So soll das KoDorf einmal aussehen: Neben kleinen Gruppen aus Tiny Houses gibt es große Gemeinschaftsflächen. Quelle: agmm Architekten + Stadtplaner

Zur notwendigen Infrastruktur für den heutigen Lebensstil werden neben schnellem Internet auch Gemeinschaftsflächen mit verschiedenen Funktionen zählen. Hierfür ist zum einen die Revitalisierung und Umnutzung des alten Sägewerkes mit Coworking- und Seminarräumen, Atelier und Gemeinschaftsküche angedacht. Im WG-Haus sollen zudem Gewerbeflächen, eine medizinische Einrichtung, ein Hofladen und ein Café untergebracht werden. Ein drittes großes Gebäude dient als Lagerhaus und Werkstatt.

Revitalisierung ehemaliger VEBs als Grundlage für das Minihaus-Dorf

Dass es überhaupt zu dem Projekt in Wiesenburg kam, ist vor allem Bürgermeister Marco Beckendorf zu verdanken. Dieser hatte in den Medien von MEERLEBEN erfahren und dass die VielLeben eG nach Flächen suchte. Da Wiesenburg über mehrere Brachen auf Geländen ehemaliger VEBs verfügt, lud er die Genossen in seine Gemeinde ein. „Die Revitalisierung ehemaliger Volkseigener Betriebsgelände hat für unsere Gemeinde Priorität“, sagt der Bürgermeister. „In den Betrieben haben Hunderte Menschen über Jahrzehnte gearbeitet, die hier immer noch wohnen. Ihre Lebensleistung ist durch das Brachliegen ihrer früheren Arbeitsstätten infrage gestellt. Ich hoffe, dass mit der Revitalisierung der Flächen das Ost-West-Denken abgebaut wird und die Brachen sinnstiftend genutzt werden.“

Dass Wiesenburg die VielLeben eG überzeugen konnte, verwundert kaum. Das Dorf bietet nicht nur herrliche Natur sowie einen pittoresken Schlosspark gleich um die Ecke, sondern verfügt bereits über eine ausgeprägte Künstler- und Kreativszene. Von immenser Wichtigkeit ist gewiss auch, dass der Ort 2018 zur digitalen Modellregion (Smart Village) gekürt wurde. Neben der dementsprechend exzellenten digitalen Infrastruktur – ohne die füllt man heutzutage keine Dörfer mehr – ist zudem die Verkehrsanbindung nach Berlin oder Leipzig ausgezeichnet. Falls also der Großstadtgestank einmal vergessen und das Tiny House plötzlich ein Stück zu eng sein sollte, wäre der spontan Landflüchtige zur Not auch in Nullkommanichts wieder in der Stadt.

Aufmacherfoto: Symbolbild. Bildquelle: Anna Armbrust from Pixabay

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