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Ab auf das Dach!

Es gibt keine bebaubaren Flächen? Doch die gibt es. „Wir nutzen die Flächen, die sonst keiner haben möchte“, sagt Dr. Nikolai Jäger, Gründer des Startups MQ Real Estate. Sein Unternehmen realisiert das nach eigenen Angaben weltweit erste modular errichtete Hotel auf dem Parkhaus eines Shoppingcenters in Berlin.

Das Startup MQ Real Estate realisiert ein Hotel auf einem Parkhausdach
Von Ivette Wagner, 19.06.2018

Das Einkaufszentrum Ring-Center 2 erhofft sich dadurch eine Aufwertung des Bestandsgebäudes sowie eine zusätzliche Besucherfrequenz. 151 Zimmer sollen im Herbst 2018 unter der kürzlich eingeführten Millennial-Marke niu eröffnet werden – mit einer Bruttogeschossfläche von 4.500 Quadratmetern.

Dr. Nikolai Jäger (links) und Björn Hiss realisieren das erste Projekt in Berlin.
Foto: Paul Weiss

Der Slogan „Wir fangen dort an zu bauen, wo andere aufhören“ ist bei MQ Programm. 2014 gegründet, suchte das Unternehmen anfangs per Google Earth Parkhäuser, auf dessen Dächern keine Autos parkten. „Das war für uns ein gutes Indiz, dann sind wir hingefahren“, so Dr. Nikolai Jäger. Mittlerweile gehören sechs Mitarbeiter zum Kernteam, die Architekturleistungen bringt MQ selbst ein. Für alle anderen Aufgaben arbeitet die Firma mit renommierten Büros zusammen.

Momentan befinden sich über zehn Projekte in der Pipeline, vier davon gehen 2018 / 2019 in die Umsetzung. Laut Bundesverband Parken e. V. sind viele Parkhäuser in Großstädten im Schnitt zu maximal 50 bis 60 Prozent ausgelastet. „Die Bauten aus den 1980 / 1990er-Jahren haben außerdem den Vorteil, dass sie oft statische Reserven haben“, sagt Dr. Nikolai Jäger. „Neue Parkhäuser sind bis auf die letzte Schraube statisch ausgereizt.“ Bestandshäuser – auch große Flachdächer sind geeignet – gebe es in fast allen Innenstädten. „Allerdings schränkt das Baurecht oft ein. Auf dem Ring-Center Berlin war beispielsweise Wohnen nicht genehmigungsfähig.“

Die Module werden aus Holz gearbeitet.
Foto: Paul Weiss

Nicht nur die bebauten Flächen sind bei MQ etwas anders, sondern die Bebauung an sich. In Süddeutschland lassen die Berliner Module fertigen. Damit kommen Projekte in Frage, die einen repetitiven Ansatz haben: möbliertes oder Studentenwohnen oder eben Hotels. „Zuerst haben wir ein Musterzimmer fertigen lassen“, erläutert Dr. Nikolai Jäger. „Dieses wird vom Betreiber frei gegeben, danach beginnt die Serienproduktion.“ Acht bis zwölf Wochen dauert diese, nochmal so lange der Aufbau. Fest eingebaute Möbel wie Schrank oder Duschkabine sind implementiert. „Für uns hat diese Produktion den Vorteil, dass wir unter stark kontrollierbaren Bedingungen wetterunabhängig arbeiten können.“ Zwischengänge und Lobby beispielsweise müssen noch gebaut werden.

Die Firmenphilosophie von MQ beinhaltet neben der urbanen Nachverdichtung und einer zukunftsorientierten Stadtentwicklung als einen weiteren Schwerpunkt den ökologischen Aspekt: Zum Ersten ist da die Energieeffizienz zu nennen (KfW 55), zum Zweiten der Werkstoff Holz, zum Dritten die Bauschnelligkeit.

Hochwertig soll es sein. „Man kann günstiger bauen als wir“, sagt Dr. Nikolai Jäger. „Unser Fokus ist nachhaltig, langfristig und liegt in der Betrachtung der kompletten Lebenszykluskosten.“ Die Module sind wie (hochwertige) konventionelle Bauten für eine Haltbarkeit von 50 bis 80 Jahren konzipiert. „Wir mieten langfristig die Fläche an. Danach können wir das Hotel versetzen, eine Zweitverwertung angehen. Das ist nicht nur Theorie, sondern praktisch machbar.“ Jedes einzelne Zimmer kann umziehen, nur die Lobby und die verbindenden Gänge nicht. „Wir sind mit dem Standort nur auf Zeit verheiratet.“

Bevor die Serienproduktion beginnt, wird ein Musterzimmer gefertigt.
Foto: Paul Weiss

Für Dr. Nikolai Jäger steht fest, dass das MQ-Konzept für die Zukunft steht. „Wir machen nichts, was es für sich betrachtet vorher noch nicht gegeben hat. Wir haben jedoch jeden einzelnen Aspekt weiterentwickelt und gänzlich neu kombiniert, sodass ein bisher nicht existierender, einzigartiger Projektentwicklungsansatz entstanden ist.“ Dazu kommt, dass das Bauamt die Idee sehr gut aufgenommen hat, auch bei der Bürgerbeteiligung für das Berliner Projekt gab es überhaupt keine negativen Diskussionen. Der Weg dahin allerdings war ein langer. „Wir hatten am Anfang eine Powerpoint-Präsentation, mehr nicht. Es gab kein vorzeigbares Projekt.“ Bald wird es das in Berlin geben.

 

Abb. oben: Eine Idee, die bereits vorhandene Flächen nutzt: Auf dem Einkaufszentrum Ring-Center entsteht in kurzer Zeit ein Hotel. Visualisierung: MQ Real Estate

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