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Das Leipziger Stadtquartier Bayerischer Bahnhof

In Leipzig sind drei gewaltige Quartiersprojekte in der Planung. Auf dem Gelände des Eutritzscher Freiladebahnhofes wird das am größten dimensionierte neue Stadtquartier entwickelt. Westlich des Hauptbahnhofs soll derweil das drittgrößte Projekt, das Löwitz Quartier, entstehen. Ein am ehemaligen Bayerischen Bahnhof vorgesehenes Quartier ordnet sich zwischen diesen beiden gewaltigen Projekten ein und wird von den Verantwortlichen mehr als groß gedacht. 

Am ehemaligen Bayerischen Bahnhof entsteht ein gewaltiges Stadtquartier mit bis zu 1.600 Wohnungen, Kitas, Schulen und Flächen für Gewerbe und Büros. Aktuell wurde der Sieger des Wettbewerbs um Teilbereich 3 gekürt. Der Portikus vom Bayerischen Bahnhof gibt ansatzweise den Blick auf das verwilderte Gelände dahinter frei. Copyright: Pierre Pawlik / W&R IMMOCOM
Von Redaktion Immobilien Aktuell Magazin / Pierre Pawlik, 02.06.2020

Erbaut zwischen 1841 bis 1844 galt der Bayerische Bahnhof als ältester Kopfbahnhof der Welt. Zumindest bis zu seiner Schließung 2001. Heute beherbergt das Gebäude ein Restaurant mit eigener Brauerei. Auf dem Areal des ehemaligen Bahnhofs, zu dem die ikonischen Rundbögen des Kopfbaus quasi das Zugangstor bilden, soll in den kommenden Jahren zwischen Bayerischen Platz und Kurt-Eisner-Straße ein lebendiges Stadtquartier entstehen.

So wird das Stadtquartier Bayerischer Bahnhof aufgebaut sein

Bis zu 1.600 Wohnungen für bis zu 2.700 Bewohner sind hier geplant. Freilich inklusive der erforderlichen Infrastruktur aus Kitas und Schulen. Südlich der Kurt-Eisner-Straße sollen zudem 150.000 Quadratmeter Fläche für Büro- und Gewerbenutzung entwickelt werden. Das Herzstück des neuen Quartiers wird ein großzügiger, langgezogener  Stadtteilpark bilden, der in alle Teile des neuen Quartiers „ausstrahlt“. Das Areal wird planungstechnisch in mehrere Teilbereiche zerlegt:

Ein Modell-Ausschnitt des Bauvorhabens am Bayerischen Bahnhof. Copyright: Pierre Pawlik / W&R IMMOCOM

  1. Portikus / Bayerischer Platz: Die im zweiten Weltkrieg vollkommen zerstörte Ankunftshalle wird spiegelbildlich zur noch vorhandenen Abfahrtshalle wiedererrichtet. Zwischen beiden Gebäuden wird die ebenfalls im Krieg zerstörte Bahnhofshalle neu gebaut. An der Straße des 18. Oktobers ist zudem ein neues Gebäude mit einem markanten Hochpunkt geplant. (Baubeginn 2021)
  2. Kohlenstraße: Hier sehen die Planungen Mehrfamilienhäuser vor. (Baubeginn 2020)
  3. Kita am Dösner Weg: Für diesen Teilbereich sind eine Kita, ein Apartmenthaus und eine als Music Lab bezeichnete Bildungseinrichtung für Musiker vorgesehen. (Baubeginn 2021)
  4. Wohnen am Dösner Weg: 220 Ein- bis Vierzimmerwohnungen sollen hier ein möglichst breites Mieterklientel ansprechen. Vier Sechsgeschosser (jeweils plus Staffelgeschoss) und ein Elfgeschosser werden den Wohnraum beherbergen. (Baubeginn 2020)
  5. Stadtquartier Lößniger Straße: Siehe 6.
  6. Stadtquartier Lößniger Straße: Ganze 1.300 Wohnungen sollen entlang der Lößniger Straße in den Teilbereichen 5 und 6 entstehen. 30 Prozent der Ein- bis Vierzimmerwohnungen werden mietpreisgebunden entwickelt. Eine Kita und Gewerbeflächen ergänzen das Wohnquartier innerhalb des Stadtquartiers. (Baubeginn 2023)
  7. Dösner Weg Süd: Der städtebauliche Vertrag sieht für Teilbereich 7 einen Schulcampus vor. Für den angrenzende Bereich 7a werden Nutzung und Gestaltung aktuell noch diskutiert.
  8. Grundschule Kurt-Eisner-Straße: Geplant ist eine Grundschule für etwa 450 Kinder. (Baubeginn 2020)
  9. Gewerbe und Büros: Hier sollen Gewerbe- und Büroflächen entstehen. Ebenso im Bereich 9a, östlich von der Media City. Die Planungen sind hier allerdings noch nicht so weit vorangeschritten. (Baubeginn 2024)
  10. Der Lokschuppen: Der denkmalgeschützte Lokschuppen bleibt erhalten und wird einer gewerblichen / kulturellen Nutzung zugeführt. Ein Neubau für Gewerbe, Büro und Dienstleistungen ergänzt den Teilbereich. (Baubeginn 2023)

Entlang der 2005 zurückgebauten Bahnanlagen wird eine in die drei Abschnitte 5a, 5b und 5c aufgeteilte Grünfläche entwickelt.

(Zur Verortung: Die Abschnitte 5 und 6 wären in dem obigen Modell-Ausschnitt des Stadtquartiers rechts neben den Bereichen 4 und 7a angeordnet. Die Bereiche 8 bis 10 würden sich in der Verlängerung von 7 a anschließen.)

Wer baut am Bayerischen Bahnhof was?

Als Vorhabenträger agieren auf der 36 Hektar großen Gesamtfläche die Leipziger Stadtbau AG und die BUWOG Bauträger GmbH. Während die Leipziger Stadtbau AG die Teilbereiche 1, 2, 3, 7, 7a, 8, 9, 9a und 10 entwickelt, kümmert sich die BUWOG GmbH um die Teilbereiche 4, 5 und 6. Den Grüngürtel teilen sich die Unternehmen auf. Die Bereiche 5a und 5b übernimmt die BUWOG, den Bereich 5c die Stadtbau AG.

Mobilität und Nachhaltigkeit im Quartier Bayerischer Bahnhof

Das neue Stadtquartier soll mindestens autoreduziert entwickelt werden. Neue Fuß- und Radwege sollen das Quartier vernetzen und es werden allgemein fahrradfreundliche Strukturen geschaffen.  Des Weiteren stehen umweltgerechte Mobilitätsformen im Fokus. Gefördert werden Angebote für Car- und Bikesharing, Quartiersbusse, Elektro- und Hybridmobilität. Stellplätze für PKWs werden in Form von Tief- und wohnungsnahen Quartiersgaragen errichtet. Einen Tunnel unter dem Quartier zur oberirdischen Verkehrsberuhigung, wie etwa zuletzt von der "BILD" berichtet, wird es nicht geben.

Dem großen Ziel der Nachhaltigkeit soll in erster Linie der etwa sechs Hektar große Stadtteilpark dienen. Hierfür bleiben stadtklimatisch wichtige Freiräume erhalten und diverse versiegelte Flächen werden entsiegelt. Für die Neubauten wird auf modernste Energie-Standards gesetzt und die meisten Dachflächen werden begrünt.

Wichtige Wegpunkte bis zum heutigen Planungsstand

  • 2011 wird im März der Gewinner eines Realisierungswettbewerbs zur Erarbeitung einer städtebaulichen Konzeption und einer Freiraumplanung für das Areal bekannt gegeben. Der Siegerentwurf stammt von den Berliner Architekten "Jörg Wessendorf Architektur und Städtebau" und " Atelier Loidl Landschaftsarchitekten".
  • 2012 wurde für eine Bebauung des Stadtraums um den Bayerischen Bahnhof ein Aufstellungsbeschluss gefasst. Erste Beteiligungsveranstaltungen mit zwei Bürgerforen und einem Workshop folgten und führten zu umfangreichen Änderungen im Siegerkonzept aus dem Jahr 2011.
  • 2013 erwirbt die BBH Entwicklungs GmbH, eine Tochter der Leipziger Stadtbau AG, den größten Teil des Areals.
  • 2018 wurde im November ein städtebaulicher Vertrag zwischen den Vorhabenträgern Leipziger Stadtbau AG und BUWOG GmbH sowie der Stadt Leipzig geschlossen.
  • 2019 konkretisieren Vorhabenträger und Stadt den städtebaulichen Vertrag um zusätzliche Vereinbarungen. Beteiligungsveranstaltungen werden Ende des Jahres wieder aufgenommen.

Fortschritte im neuen Stadtquartier

Teilbereich 4: Wohnen Dösner Weg

Relativ weit fortgeschritten sind die Planungen für den Teilbereich 4. An dem Werkstattverfahren für das Areal hatten sich fünf Architekturbüros beteiligt. Die Jury empfahl die Entwürfe der Büros Kaden + Lager (1. Rang) und nps Tschoban Voss (2. Rang) zur Ausführung. Der Bauantrag ist inzwischen gestellt. Aktuell wird hier noch an Details gearbeitet. Der weitere Fortschritt hängt augenblicklich an der Erschließungsplanung des Dösner Weges, wobei vor allem die Planung des Fußweges in der Diskussion steht.

Teilbereich 2: Kohlenstraße

Ende 2019 wurde ein Wettbewerbsverfahren für den Teilbereich „Wohnen in der Kohlenstraße“ ausgerufen und fünf Architekturbüros zur Teilnahme eingeladen. Im Februar 2020 wurde der Entwurf vom Architekturbüro behet bondzio lin Architekten GmbH & Co. KG zum Sieger gekürt. Nun geht es für die zuständige BUWOG GmbH darum, einen entsprechenden Bauantrag einzureichen.

Teilbereich 3: Kita am Dösner Weg

Stararchitekten entwerfen Kita und Musikakademie

Für den Teilbereich 3 wurde durch die Stadt ebenfalls ein Wettbewerbsverfahren ausgelobt. Der Gewinner wurde am 25. Mai 2020 bekannt gegeben. Es handelt sich um die Innsbrucker Niederlassung des international tätigen Osloer Architekturbüros Snøhetta, welches unter anderem die Opernhäuser in Oslo und Shanghai sowie das Unterwasser-Restaurant „Under“ entworfen hat. Der Siegerentwurf enthält nicht nur die vorgesehene Kita, sondern zwei weitere Gebäude einer Musikakademie.

Rechts sehen Sie die Kita,
 mittig das Apartmenthaus und links das Music Lab. Quelle: Snøhetta,
 Innsbruck,
 Österreich

Auf dem oben eingebundenen Bild befindet sich die Kita rechts. Sie wird auf drei Etagen Platz für 165 Kinder bieten, aus Lehm gebaut und auf einer zu modellierenden Anhöhe errichtet. Apropos Anhöhe: Auf die Modellierung der gesamten Umgebung verwendeten die Architekten einen Großteil ihrer Zeit. Soll sich doch das entstehende Ensemble perfekt in die Landschaft einfügen und mit ihr verschmelzen. Die Folge: Die Kinder werden aus jeder der drei Etagen treppenfreien Zugang ins Freie haben.

Links im Bild befindet sich das sogenannte und vom Gewandhaus Leipzig intensiv geförderte  „Music Lab“ mit multifunktionalen Proberäumen sowie einem kleinen Konzertsaal mit 200 Plätzen. Dieser wird durch die Modellierung der Umgebung Zugänge zu den angrenzenden Parkflächen mit Kita und Musikakademie im Modell. Copyright: Pierre Pawlik / W&R IMMOCOMAuditorien und Bühnen besitzen. Das „Music Lab“ ist Teil der Musikakademie, die zudem über ein Apartmenthaus (Mittig im Bild) verfügt, wo beispielsweise die internationalen Studenten der Mendelssohn-Orchesterakademie untergebracht werden sollen. Beide Gebäude werden in Holzbauweise errichtet. Nur die Treppenhäuser werden aus Brandschutzgründen aus Beton gefertigt.

Stadt drückt bei der Kita aufs Tempo

Die nachhaltige Bauweise ist ein Umstand, der die Leipziger Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau auf der Pressekonferenz zur Verkündung des Siegerentwurfes sehr begeisterte. Nach aktuellen Erfahrungen mit Gebäuden in Holzbauweise war es nämlich ihr Wunsch, „weitere Gebäude in dieser Richtung zu errichten und auch für unsere Nachwelt dafür zu sorgen, dass wir mit Baustoffen arbeiten, die aus der Natur kommen und die letztendlich auch wieder in die Natur zurückgehen können.“

Die Kita hat laut Frau Dubrau absoluten Vorrang und soll so schnell wie möglich auf den Weg gebracht werden. Dazu müssen die Bestandsgebäude der ehemaligen „Gurken- und Konservenfabrik Gebrüder Schumann“ abgerissen und ein Bauantrag eingereicht werden. Als Baubeginn wird 2021 angepeilt. Derweil müssen für die Musikakademie erst noch Drittmittel von Förderern für die Realisierung des Projektes aufgebracht werden.

Das geplante Vorhaben am Bayerischen Bahnhof als Video

 

Projektwebsite des Großvorhabens

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