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Boomtown der Logistiker

Wer auf der Autobahn 14 an Halle (Saale) vorbei fährt, kann das 230 Hektar große Gewerbegebiet Star Park nicht übersehen. Auf einem über 15 Meter hohen Schild, das nachts hell erleuchtet ist, steht: „Come to Halle – Investor Country“.

In Halles Star Park schaffen mehrere Transport-Unternehmen knapp 2.000 Jobs, dennoch gibt es Kritik an den Ansiedlungen
Von Steffen Höhne, 22.09.2017

Baukräne bestimmen das Bild

Der Werbespruch ist aktuell nicht übertrieben, in den kommenden Monaten werden wohl ein Dutzend Baukräne auf dem Gelände stehen, um neue Logistikhallen und Industriefabriken zu errichten. Wahrscheinlich kein anderer Gewerbepark in Mitteldeutschland hat zuletzt so viele Ansiedlungserfolge vorzuweisen – dabei lag das Gelände über ein Jahrzehnt im Dornröschenschlaf.

Die Verträge für das bisher größte Investitionsvorhaben wurden erst im Mai 2017 unterschrieben. Der bayerische Autozulieferer Schaeffler will für einen dreistelligen Millionenbetrag ein Montage- und Verpackungszentrum errichten, 900 Jobs sollen dadurch entstehen. Von Halle werden dann europaweit Kunden mit Ersatzteilen beliefert. „Die geografische Lage, die Verkehrsanbindungen und die gute Betreuung vor Ort sprachen für den Standort“, sagte Michael Söding, Chef von Schaeffler Automotive Aftermarket.

Das neugegründete Unternehmen Artiback hat mit dem Bau einer neuen Tiefkühlbackwaren-Fabrik begonnen.Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand meinte nur knapp, er sei „stolz auf die Ansiedlung“. Kurz vorher verkündete Bernd Wiegand die Ansiedlung eines italienischen Stahlbauers. Im Februar hatte auch das Unternehmen Artiback bekannt gegeben, vor den Toren der Stadt ein Tiefkühlbackwerk zu errichten. Ende 2016 begann DHL mit dem Bau eines neuen Logistikzentrums. Nebenan hatten Goodman und Hellmann Worldwide Logistics gerade eröffnet. Außerdem hofft die Star Park-Entwicklungsgesellschaft EVG, dass der chinesische Verpackungshersteller Greatview wie angekündigt seine Produktionsstätte erweitert.

Politik sieht Strategie kritisch

Mitten in die Feierlaune im Rathaus platzte dann allerdings Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner mit kritischen Tönen: „Bei aller Freude über die neuen Jobs. Hier werden Chancen verspielt. Strategische Wirtschaftspolitik sieht anders aus“, schrieb der auch als Chef des CDU-Kreisverbandes tätige Politiker, auf seiner Facebook- Seite. Nach DHL, Hellmann, Fiege und Radial (Ebay) ist Schaeffler bereits das fünfte Logistik-Unternehmen, das sich im Star Park niederlässt. Laut Marco Tullner wurde der Stark Park von Land und Stadt entwickelt, um „innovative und produzierende Zukunftsbranchen in Halle anzusiedeln“. Um seine Klage zu verstehen, muss etwas zurückgeblickt werden.

Erschließung kostete 70 Millionen Euro

Der Logistiker DHL errichtet ein neues Lager für den Umschlag von Waren für seine Kunden.Um die Jahrtausendwende erschloss man die Fläche in der Hoffnung, dass BMW dort ein neues Werk errichten würde. Der Autobauer gab jedoch 2001 Leipzig den Zuschlag und eröffnete 2005 dort das Werk. In der Folge lag das Gelände zunächst brach, konnte dann aber mit Unterstützung des Landes für 70 Millionen Euro voll erschlossen werden. Strom, Gas, Wasser, Telekomleitungen und Schienenanschluss liegen an; A14 und A9 bieten besten Straßenanschluss; Deutschlands zweitgrößter Frachtflughafen Leipzig / Halle ist nur 15 Autominuten entfernt. Auf den Flächen besteht sofort Baurecht – Ausgleichsmaßnahmen wurden bereits getätigt.

2009 siedelte sich ein erster Solarzellen- Bearbeiter an. Es folgte das chinesische Verpackungs-Unternehmen Greatview. Doch größere Investitionen blieben in der Folge aus. Sowohl der Stadt als auch Sachsen- Anhalts Ansiedlungsagentur IMG gelang es nicht, weitere Industriefirmen zu gewinnen.

Irgendwann konnte Rathaus-Chef Bernd Wiegand die leeren Flächen offenbar nicht mehr sehen. Die Stadt sprach vermehrt Logistik- Firmen an – mit Erfolg wie sich zeigt. Den Vorwurf, keine hochwertigen Jobs zu schaffen, will die Stadt auch nicht auf sich sitzen lassen. Von den 230 Hektar sind noch mehr als 100 Hektar frei. Diese sollen nun vorrangig für das produzierende Gewerbe vorgehalten werden. Ginge es nach Bernd Wiegand könnte der Star Park Ende 2018 ausgelastet sein.

Neuer Gewerbepark in Tornau?

Daher forciert die Stadt ihre Suche nach einer weiteren Fläche für einen neuen Gewerbepark und ist in der Flur Tornau fündig geworden. Die Grundstücke befinden sich größtenteils bereits im Eigentum der Kommune. Wie der Star Park liegt das Gelände, das nun genau untersucht wird, an der A14. Bis Anfang 2018 soll Klarheit herrschen, ob ein weiteres großes Schild „Investor Country“ an der Autobahn aufgebaut wird.

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