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Kuss für Herzogin Garten

Einst ließ der sächsische Hof in der Orangerie wertvolle Zitrusgewächse überwintern, jetzt entstanden mitten in der Dresdner Innenstadt Wohnungen.

Mitten in der Dresdner Innenstadt entstanden neue Wohnungen
Von Bettina Klemm, 03.10.2018

Für Flora und Pomona findet zum Jahresende eine scheinbar endlose Geschichte ihren Abschluss. Die beiden Sandsteinfiguren stellen die Göttinnen der Blüte und der Baumfrucht dar. Sie sind restauriert und schmücken neben der rekonstruierten Eichenholz-Tür das Portal der Orangerie. Diese ist wieder weitgehend nach dem historischen Vorbild aufgebaut. Allerdings überwintern dort keine Bäumchen mehr, sondern es entstanden mitten in der Dresdner Innenstadt 13 Wohnungen mit Größen zwischen 130 und 200 Quadratmetern. Parallel wird auf dem 6.500 Quadratmeter großen Areal wieder eine Gartenanlage gestaltet, die sich von der Ostra-Allee öffnet.

„Ab dem vierten Quartal 2018 können Besucher voraussichtlich durch diesen Park spazieren“, kündigt Torsten Nowack an. Er ist Projektleiter der Palais im Herzogin Garten Saal Projekt GmbH. Als Palais wird die moderne Wohnanlage bezeichnet, die Investor Reinhard Saal an der anderen Seite des Grundstücks errichtet hat. In dem sechsstöckigen Gebäudekomplex, entworfen von dem Dresdner Büro wörner traxler richter Architekten, befinden sich 123 Wohnungen und vier Gewerbeflächen sowie eine Tiefgarage. Ende 2017 zogen dort die ersten Mieter ein. Nach Medienberichten hat ein Versorgungswerk im Juli 2016 das Objekt für 44,3 Millionen Euro erworben. Die über zehn Millionen Euro teure Orangerie soll jedoch im Besitz von Reinhard Saal und seiner Familie bleiben.

Direkt an der Herzogin Garten entstanden Eigentumswohnungen in Laufnähe zum Zwinger. Quelle: Bettina Klemm

Rund ein halbes Jahrzehnt waren die beiden rund 180 Jahre alten Damen Flora und Pomona hinter Bretterwänden vor Wind und Wetter geschützt. Sie hatten die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg überlebt, denn von der einst 1841 unter Leitung des Architekten Otto von Wolframsdorf errichteten Orangerie war nur noch das Kopfgebäude mit dem Portal erhalten geblieben. Kurfürst Christian I. ließ 1591 als Geschenk an seine Gemahlin Sophia einen Lustgarten vor dem Wilsdruffer Tor anlegen. Diese wohl früheste Gartenanlage Dresdens wurde später mehrfach erweitert.

Vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg war die einstige historische Anlage „Der Garten der Herzogin“ – im sogenannten sächsischen Genitiv „Der Herzogin Garten“, – relativ dicht bebaut. Neben Wohnhäusern, Hotel und Restaurant standen dort das Gewerbehaus, in dessen Saal einst die Dresdner Philharmonie spielte, sowie das Domizil zweier Freimaurerlogen.

Natur bestimmte den Werdegang

Nach Beseitigen der Ruinen 1966 übernahm die Natur das Regime. Wildwuchs sowie am Rande eine Postbaracke und ein kleiner Sportplatz prägten das Bild. Zu DDR-Zeiten schien es Wichtigeres zu geben, als die Fläche neben dem Zwinger erneut zu nutzen. Doch nach der deutschen Einheit wuchsen die Begehrlichkeiten.

1992 hatte der amerikanische Künstler Frank Stella einen futuristischen Entwurf für eine Kunsthalle auf dem Areal vorgelegt. Ein Kunstsammler-Ehepaar wollte darin moderne Kunst präsentieren. Der Entwurf gelangte auf die Titelseiten bekannter Magazine, sorgte für Aufsehen, aber auch für Streit und verschwand schließlich.

Fast ein Jahrzehnt später machten Entwürfe für Hotelbauten die Runde. Nach der Hochwasserflut 2002 musste in Dresden jedoch erst ein umfassender Hochwasserschutz für die Innenstadt gesichert werden, bevor die Verwaltung Baugenehmigungen für das Areal ausreichte. In der Zwischenzeit war das Interesse am Wohnungsbau wieder gewachsen. So plante schließlich die Bauherrengemeinschaft Baywobau und CTR Immo Dresden ihre Residenz am Zwinger. Nach umfangreichen archäologischen Grabungen war 2014 Baubeginn. Es entstanden 86 Eigentumswohnungen und 13 voll möblierte Apartments, die Ende 2016 / Anfang 2017 bezugsfertig wurden.

Eigentlich wollte Reinhard Saal, der das Nachbargrundstück erworben hatte, etwa zur gleichen Zeit mit seinem Projekt fertig werden. Doch der Stadtrat hatte ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wegen eines internen Streits um eine rechtzeitige Ladung zur Sitzung gab es keine Genehmigung für den Bauplan. So wurde der Investor zum Spielball der Politik und verlor mehr als ein Jahr Zeit. Doch nun steht auch sein Projekt kurz vor der Vollendung.

Liebevolle Details spielen bei diesem Projekt eine sehr große Rolle. Quelle: René Meinig

Um die künftige Nutzung der Orangerie gab es Stress. Die Landeskonservatorin setzte sich nicht nur für einen weitgehend originalgetreuen Wiederaufbau ein, sondern auch für eine öffentliche Nutzung. Prinzipiell zeigte sich Reinhard Saal auch dazu bereit, aber er legte Wert auf verbindliche Konditionen. Doch diese wollten oder konnten weder der Freistaat noch mögliche private Nutzer gewährleisten. So fiel am Ende die Entscheidung für die Wohnungen. Das Gebäude ist aus Platzgründen mit knapp 65 Metern auch deutlich kürzer als zur Bauzeit im 19. Jahrhundert.
 

Vor Baubeginn hatte die Stadt acht historische Zaunfelder eingelagert. Reinhard Saal ließ diese bei der Firma Ostmann & Hempel aus Wilsdruff restaurieren. Der erste Abschnitt des historischen Zauns steht bereits wieder vor der Orangerie. Zudem hat er in enger Ansprache mit den Denkmalpflegern die Firma Aust & Köckritz beauftragt, 48 weitere Zaunsteile nachzubauen. Eine teure Angelegenheit, doch über Zahlen mag Reinhard Saal ohnehin nicht sprechen.

Auf Forderung der Stadt gestaltet die Firma Saal die Parkanlage. Das kostet einen einstelligen Millionenbetrag, nähere Angaben werden dazu nicht gemacht. Reinhard Saal hat dazu das Dresdner Unternehmen Noack Landschaftsarchitekten verpflichtet. Es war unter anderen auch an der Gestaltung der Parkanlagen im Großen Garten in Dresden und im Fürst-Pückler-Park in Bad Muskau beteiligt.

Michaela Noack interpretiert und transformiert die landschaftliche Gartengestaltung von Hofgärtner Carl Adolf Terscheck, die um 1840 datiert ist, in die heutige Zeit. Die Hofgärtner-Familie Terscheck gehörte im 19. Jahrhundert zu den bekanntesten in der Branche und gestaltete auch den Schlosspark in Dresden-Pillnitz mit. „Inmitten des Zentrums lädt eine Oase mit geschwungenen, wassergebundenen Wegen Bewohner und Besucher zum Spazieren und Verweilen ein. Ein Zitat des historischen Weißeritz-Mühlgrabens wird als Wasserband den Garten schmücken und schafft intuitiv einen fließenden Übergang zwischen öffentlichem, halböffentlichem und privatem Freiraum“, erklärt sie.

Die Pflanzenauswahl umfasst ein breites Spektrum an Laubbäumen, sommergrünen Blühsträuchern, immergrünen Laubgehölzen, Rosen und dekorativen Stauden. Die Fülle der Pflanzen ist eine Hommage an die Vielzahl von Arten und Sorten, die im Laufe der Jahrhunderte im Herzogin Garten zu finden waren. Fast 40.000 Krokusse sollen zum Beispiel im Frühjahr auf der Fläche erblühen, kündigt Projektleiter Torsten Nowack an.

Die beiden Sandsteinskulpturen Pomona und Flora wurden von Ernst Julius Hähnel geschaffen. Er war Professor der Königlichen Akademie der Bildenden Künste und ab 1838 Kopf der neuen Dresdner Bildhauerschule. Von den steinernen Göttinnen fällt der Blick auf ein weiteres Schmuckstück: ein kunstvoll gestalteter Zaun aus Metall an der Ostra-Allee.

 

Visualisierung oben: Palais im Herzogin Garten Saal Projekt GmbH

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