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Neubau im Siedlungsstern

Der Wohnraumdruck in Berlin wächst und wächst – viele Hauptstädter zieht es deshalb ins nahe Umland, wo entlang der Hauptverkehrsachsen ein reger Wohnungsneubau zu beobachten ist. Die Pläne und Projekte sind breit gefächert, reichen von einigen wenigen seniorengerechten Domizilen bis hin zu Quartieren mit mehreren hundert Wohnungen.

Der Wohnraumdruck in Berlin wächst – viele Hauptstädter zieht es deshalb ins nahe Umland
Von Matthias Klöppel, 13.03.2019

Neue Wohngebiete wachsen nicht irgendwo rund um die Bundeshauptstadt. Sie sprießen dort, wo es die gemeinsame Landesplanung Berlin-Brandenburg für Mensch und Natur am besten erachtet. Links und rechts der S-Bahn-Strecken und neben den Fernstraßen, etwa nach Frankfurt an der Oder, ebenfalls in Richtung Ostsee. Wie Sternspitzen ziehen sich die bebauten Areale von Berlin aus in alle Himmelsrichtungen, werden dünner und enden dann. Die Freiräume dazwischen bleiben als grüne Lungen für die Kapitale erhalten. Siedlungsstern heißt diese Struktur des Berliner Speckgürtels, die der Ende Januar beschlossene neue „Landesentwicklungsplan Hauptstadtregion“ zementiert hat.

Das Dokument sieht die Erhaltung und Weiterentwicklung des historisch gewachsenen Geflechtes vor: Zwei neue Siedlungsachsen sollen nach Wandlitz im Norden und Werneuchen im Süden führen, eine bestehende über Hennigsdorf hinaus nach Oberkrämer verlängert werden. Berlins Bausenatorin Katrin Lompscher sprach bei der Veröffentlichung von einem zusätzlichen Wohnungspotenzial von mehr als 400.000 Wohnungen. Die werden in der Hauptstadtregion dringend benötigt. Einer Untersuchung von Engel & Völkers zufolge ist das Wohnraumdefizit zwischen 2008 und 2017 in Berlin besonders stark gestiegen. Einem Bevölkerungsplus von 181.820 Personen innerhalb dieses Zeitraums stünden demnach nur 61.642 neue Wohnungen gegenüber. Bei einer Haushaltsgröße von im Schnitt 1,71 Personen ergebe das einen Nachfrageüberhang von 76.000 Personen, so die Analysten.

Neues Antlitz für alten Speicher

Visualisierung: © TAS Unternehmensgruppe

Dass tatsächlich enormes Wohnungspotenzial im Berliner Umland besteht, belegt die vielerorts zu beobachtende rege Bautätigkeit. Etwa in Oranienburg, der hinter Potsdam zweitgrößten Stadt im Siedlungsstern. Dort wird der über 100 Jahre alte Getreidespeicher aus dem Dornröschenschlaf geweckt. Das denkmalgeschützte Stahlbeton-Konstrukt ist mit rund 35 Metern das zweithöchste Gebäude der 44.000-Einwohner- Stadt nördlich von Berlin. Künftig beherbergt es 22 Wohnungen, einschließlich einer Turmwohnung über zwei Etagen und mit Rundumblick. Fenster und Balkone werden in Abstimmung mit den Denkmalschutzbehörden angebaut – ebenso wie ein Treppenhaus mit Fahrstuhl. Investor und Projektentwickler ist die Hamburger TAS-Gruppe.

Die will übrigens nicht nur dem alten Speicher neues Leben einhauchen, sondern sieht auf dem 15.000 Quadratmeter großen, vor zweieinhalb Jahren erworbenen Grundstück rund um das historische Bauwerk gleich eine ganze Wohnsiedlung, direkt am Alt-Arm der Havel. In zwölf fünfgeschossigen Neubauten entstehen mehr als 260 Wohnungen. Die örtlichen Stadtwerke bauen ein Blockheizkraftwerk im Untergrund zur Versorgung des Quartiers, das bei Spitzenverbräuchen im Winter zusätzliche Fernwärme bereitstellt. Das gesamte Baugebiet soll bis zum dritten Quartal 2020 bezugsfertig sein. Insgesamt investiert die TAS-Gruppe rund 70 Millionen Euro.

An den Ufern des Straussees im östlichen Teil des Siedlungssterns verbessern bis zum Jahresende 84 Wohnungen in drei Neubauten sowie einem Bestandsgebäude das Wohnraumangebot. Für das Projekt zeichnet die Berliner Immobiliengesellschaft Maruhn verantwortlich. Inhaber Detlef Maruhn sowie Mitinvestor und Projektleiter Hajo Schaub hatten das 9.000 Quadratmeter große Gelände in der Stadt Strausberg gewählt, weil ihnen dafür eine gültige Baugenehmigung angeboten wurde. „Wir liegen gut im Plan“, meinte Detlef Maruhn Mitte Januar. Erste Mieter können Anfang des vierten Quartals 2019 einziehen.

Wie rasant mitunter ein Projekt Gestalt annimmt, zeigt sich in Blankenfelde- Mahlow. Nicht einmal vier Monate hat es nach der Grundsteinlegung gedauert, bis die Wohnungsverwaltungs- und Baugesellschaft Blankenfelde mbH (WOBAB) das Richtfest für den Neubau Quartier 16 begehen konnte. Das zwei- und teilweise dreistöckige Gebäude beherbergt bis Ende dieses Jahres auf insgesamt 2.800 Quadratmetern Fläche 25 seniorengerechte Wohnungen, einen Seniorentreff sowie den künftigen WOBAB-Firmensitz. Rund 7,5 Millionen Euro fließen in das Vorhaben. WOBAB-Geschäftsführerin Kathrin Wohlauf- Albrecht strebt nach eigener Aussage „sozial verträgliche Mieten“ an. Das Ziel: weniger als zehn Euro pro Quadratmeter.

Speckgürtel wächst weiter

Offenbar wird in Blankenfelde-Mahlow auch die Ausweichbewegung in den Berliner Siedlungsstern. So gehört die südlich der Spreemetropole gelegene Gemeinde zu den Orten, die seit 2010 ein deutliches Bevölkerungswachstum zwischen 6,0 und 7,6 Prozent verzeichneten – ebenso wie Bernau, Falkensee und Nauen. In Potsdam und Teltow erhöhte sich die Einwohnerzahl in der genannten Zeitspanne mit zwölf respektive 14 Prozent sogar prozentual stärker als in Berlin (plus 9,6 Prozent). Bis 2030, so Schätzungen des Amtes für Statistik Berlin- Brandenburg, steigt die Bevölkerung im Umland der Hauptstadt auf über eine Million Menschen an (aktuell rund 978.000), während die Einwohnerzahl im weiteren Metropolraum zurückgeht.

Für Werder (Havel) rechnet das Landesamt für Bauen und Verkehr Brandenburg bis 2030 mit einem Anstieg um 7,9 Prozent gegenüber 2016. Das am stärksten wachsende Wohnquartier der Stadt westlich von Berlin sind die Havelauen. Zahlreiche Projekt- und Bauunternehmen waren und sind dort aktiv, die größten Anlagen heißen Riva und Riva Maritim. Was im Viertel fehlt, ist das Thema Gesundheit. Um ein entsprechendes Angebot zu schaffen, plant die MCG Management Capital Group auf dem letzten unbebauten Karree das Gesundheitszentrum Vital Werder.

Das Objekt hält Gewerbeflächen für Arztpraxen und Dienstleister bereit, zudem sind 50 Eigentums- und Mietwohnungen auf der mehr als einen Hektar großen Fläche angedacht. Das Investitionsvolumen beträgt 30 bis 35 Millionen Euro. „Alle Bauanträge sind abgegeben“, informierte der zuständige Projektmanager Joachim Hartmann jüngst, zugleich Geschäftsführer der Kahabe GmbH. In diesem Frühjahr könnte mit dem Bau der Tiefgarage begonnen werden, sofern die Genehmigungen pünktlich erteilt würden. Die Fertigstellung des Komplexes ist für 2020 anvisiert.

Kasernenblöcke werden aufgehübscht

Weil es nach Wandlitz eine neue Siedlungsachse geben soll, ist künftig auch in der nördlichen Umlandgemeinde mehr Wohnungsbau möglich. Schon jetzt sind auf dem landeseigenen Areal der ehemaligen Polizeischule im Ortsteil Basdorf etwas mehr als 100 Mietwohnungen im Bau. Zwei alte Kasernengebäude werden dafür revitalisiert. Die Kommune treibt das Vorhaben mehr oder weniger im Alleingang voran. Bereits im Juni 2018 wurde Richtfest gefeiert, das erste Haus wird in diesem Spätsommer abgeschlossen sein. Darüber hinaus möchte die Gemeinde insgesamt 120 schlüsselfertig errichtete Sozialwohnungen erwerben, entwickelt vom Unternehmen Stonehedge.

Es finden sich noch viele weitere Neubauprojekte im berlinnahen Brandenburg. Ihre schiere Zahl verdeutlicht: Der Siedlungsstern entwickelt sich fort, gewinnt an Raum – und künftig womöglich die eine oder andere Spitze hinzu.

 

Karte Siedlungsstern: © Gemeinsame Landesplanungsabteilung Berlin-Brandenburg

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