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Siemens plant die Stadt der Zukunft

Das Unternehmen investiert 600 Millionen Euro in einen Innovationscampus in Spandau. Eine große Chance für Berlin und ein Projekt mit Konfliktpotential.

Das Unternehmen investiert 600 Millionen Euro in einen Innovationscampus in Spandau
Von Tobias Hecklau, 29.04.2019

Der 31. Oktober 2018 könnte in die Geschichte Berlins eingehen. An diesem Tag unterzeichneten der Regierende Bürgermeister Michael Müller und Siemens- Vorstandsmitglied Cedrik Neike ein Memorandum of Understanding, demzufolge der Konzern einen Innovations- oder Zukunftscampus mit Forschungslabors, Büros, Produktionsanlagen und Wohnungen in Berlin-Siemensstadt errichtet. Damit kehrt das Unternehmen zu seinen Wurzeln zurück. Siemens wurde 1847 in Berlin gegründet, die Keimzelle des gleichnamigen Stadtteiles war ein 1899 eröffnetes Kabelwerk des Konzerns.
Siemens selbst steckt in den nächsten Jahren 600 Millionen Euro in das Projekt, das gemeinsam mit Partnern realisiert werden soll. Laut Wirtschaftssenatorin Ramona Pop gebe es bereits erste Investoren. Ohne konkrete Namen zu nennen, sprach sie von großen und mittelständischen Unternehmen sowie Startups.

Drei riesige Areale

Das zu bebauende Gelände ist dreigeteilt. Zwei je 15 Hektar große Teilstücke im Norden und Süden sind für Produktionsstätten vorgesehen. Auf dem dazwischenliegenden 35 Hektar großen Areal entsteht bis 2030 mit Siemensstadt 2.0 eine Modellstadt der Zukunft, bei der Forschung, Produktion und Wohnen eng miteinander verbunden sind. Erforscht werden die Bereiche Energietechnik, smarte Infrastruktur und Mobilität der Zukunft. Das Projekt soll zeigen, wie der technologische Wandel im Beruf mit den künftigen Ansprüchen im Privatleben vereint werden kann.

Geplant sind 310.000 Quadratmeter für Büro und Gewerbe, 70.000 Quadratmeter für Forschung, Entwicklung und Ausbildung, 50.000 Quadratmeter für Hotels, 200.000 Quadratmeter für Wohnen und 30.000 Quadratmeter für die Bereitstellung der sozialen Infrastruktur. 30 Prozent des Wohnraums ist für Sozialwohnungen vorgesehen. Laut Unternehmenssprecher Yashar Azad könnten sogar 70.000 Quadratmeter (35 Prozent) dafür bereitgestellt werden. Der städtebauliche Wettbewerb startet im Frühjahr, der Gewinnerentwurf soll noch in diesem Jahr veröffentlicht werden. Ab 2020 wird gebaut, in fünf bis sieben Jahren sollen die ersten Wohnungen in Siemensstadt 2.0 bezugsfertig sein – so der Plan.

Die Bebauung erfolgt unter Einbeziehung der historischen Hallen, die teilweise unter Denkmalschutz stehen. Dafür hat die Stadt dem Unternehmen Entgegenkommen angekündigt. Die Gebäude dürfen den neuen Ansprüchen entsprechend verändert werden, solange prägende Eigenschaften erhalten bleiben. „Der Anspruch ist, möglichst schnell zu entscheiden, um in den nächsten Jahren einen blühenden Stadtteil zu haben“, sagte Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin.

Auf dem südlichen Teilstück des Siemens- Areals geht es schon in diesem Jahr los: Im März startete am bestehenden Dynamowerk der Industrie- und Wissenschafts- Campus Berlin (IWCB). Dafür kooperiert Siemens mit der Technischen Universität Berlin, der Fraunhofer-Gesellschaft und der Bundesanstalt für Materialforschung. In Zukunft erarbeiten und erproben dort etwa 100 Mitarbeiter innovative Fertigungsmethoden. Es entstehen drei neue Professuren in digitalen Forschungsbereichen, ein neues Gebäude wird errichtet. Siemens investiert 70 Millionen Euro.

Aufschwung des Nordwestens

Für Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank ist das Projekt vor allem mit der Aussicht verbunden, dass sich Spandau zu einem Wissenschaftsstandort entwickelt. „Da haben wir Nachholbedarf. Die in Rede stehende Fläche ist ja zurzeit in weiten Teilen nur unzureichend genutzt, aber infrastrukturell bereits heute angeschlossen. Da ist es gut, dass dieses Potenzial nicht weiter brach liegt, sondern jetzt erschlossen werden soll.“ Außerdem erwartet Helmut Kleebank „eine Trendwende hin zur vermehrten Entstehung von zukunftsfähigen Arbeitsplätzen“. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop geht weiter. Sie erhofft sich einen Aufschwung des Nordwestens der Stadt nach Stilllegung des Flughafens Tegel.

Laut Schätzungen des RBB fließen rund 1,8 Milliarden Euro Investitionen der öffentlichen Hand in infrastrukturelle Projekte. Der genaue Betrag sei laut Ramona Pop jedoch noch nicht absehbar. Der Senat sagte Siemens zu, dass der Flughafen BER bei seiner Inbetriebnahme von Siemensstadt aus in 40 Minuten, der Hauptbahnhof in 20 Minuten erreichbar ist. Fest steht die Reaktivierung der Siemens-Bahn, der S-Bahn-Trasse zwischen Gartenfeld und Jungfernheide, bis Dezember 2029. Im Anschluss könnten die Gleise westlich bis zur Wasserstadt Spandau verlängert werden, auch eine Erweiterung nach Tegel ist im Gespräch.
Der Straßenbau werde laut Ramona Pop von Siemens und Berlin gemeinsam vorangetrieben. Berlin sagte zu, öffentliche Verkehrsangebote bereitzustellen, die an die Bedürfnisse und den Stand der Entwicklung des Innovations- Campus angepasst sind. Außerdem wird das Radwegenetz ausgebaut. Eine verbesserte Anbindung ist für den Nordwesten Berlins dringend notwendig, denn dank der neuen Quartiere Waterkant, Insel Gartenfeld, Paulsternstraße und Schumacherquartier gewinnt Spandau bis 2030 rund 40.000 Einwohner hinzu.

Milieuschutz auch hier ein Thema

Die bessere Verkehrsanbindung und attraktive, gut bezahlte Arbeitsplätze haben unweigerlich steigende Mieten zur Folge – auch im Bestand. Wie realistisch dieses Szenario ist, zeigt sich daran, dass das Bezirksamt derzeit prüfen lässt, wo Milieuschutzgebiete Sinn ergeben. Spandau ist einer von nur drei Bezirken ohne Milieuschutz.

Laut Zsolt Sluitner, Chef von Siemens Real Estate, sei es derzeit nicht die strategische Absicht des Unternehmens, als Vermieter aufzutreten. Für den Wohnraum der Siemensstadt hat Helmut Kleebank schon Ideen: „Der neu zu schaffende Wohnungsbestand sollte überwiegend in die Hand der städtischen Wohnungsunternehmen kommen. Dies ist die beste Garantie gegen Mietenwucher und Verdrängung. Aber auch alle anderen Instrumente des Miet-, Boden- und Baurechtes kommen in Frage, um gegen die befürchtete Verdrängung einer angestammten Mieterschaft vorzugehen.“

Auf die Frage, ob der Zeitplan vor dem Hintergrund von Hürden wie Bürgerbeteiligung, Denkmalschutz, überlasteten Ämtern und Bauvorschriften eingehalten werden kann, antwortet der Senat zurückhaltend. Sprecherin Claudia Sünder sagte auf Nachfrage: „Der bisher kommunizierte Zeitplan ist ein erster Entwurf und berücksichtigt derzeit nur reine Verfahrenszeiten. Er enthält keine Pufferzeiten für partizipative Mitwirkungen, vertiefende Untersuchungen und für den möglicherweise erhöhten Abstimmungsbedarf im Abgeordnetenhaus vor Beschlussfassung der zur Baurechtschaffung notwendigen Bebauungspläne.“

Den weiteren Verlauf illustriert Claudia Sünder wie folgt: „Es wird also in den nächsten gemeinsamen Arbeitstreffen darum gehen, den bisherigen Entwurf des Zeitplanes so weiterzuentwickeln, dass er eine seriöse Arbeitsgrundlage bietet.“

Streit um Zuständigkeit

Helmut Kleebank gibt sich optimistisch: „Wenn der städtebauliche Wettbewerb in diesem Jahr erfolgreich abgeschlossen werden kann, dann wird umgehend weiter am Bebauungsplan gearbeitet. Die Bahn hat beispielsweise angekündigt, mit der Siemens- Bahn vor 2030 fertig sein zu wollen. Das alles stimmt mich optimistisch, dass der Zeitplan zwar ambitioniert, aber realistisch ist.“

Allerdings hat Helmut Kleebank voraussichtlich keinen Einfluss mehr auf den Bebauungsplan. Denn im Januar brachte Katrin Lompscher, Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen, eine Vorlage zur Feststellung der außergewöhnlichen stadtpolitischen Bedeutung für den Standort Siemensstadt in den Senat ein. Damit sollen Aufstellung und Festsetzung des Bebauungsplanes vom Bezirk Spandau in ihren Zuständigkeitsbereich übergehen. Der Senat muss dem Antrag noch zustimmen.

Natürlich regte sich in Spandau prompt Widerstand. Im Stadtentwicklungsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung sprachen sich die Fraktionen der CDU, AfD, FDP, Grünen und Linken dafür aus, das Planungsrecht in Spandau zu belassen. Die Zurückhaltung von Helmut Kleebanks SPD verhinderte, dass das Thema im Rat der Bürgermeister auf den Tisch kommt. Schon bevor die ersten Bagger anrollen, macht dieser Streit deutlich, wie viel Konflikt- und Verzögerungspotential ein solches Großprojekt birgt.

 

Visualisierung oben: Die zukünftige Siemensstadt, © Siemens AG

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