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Von Wohntürmen und Kirchtürmen

In Erfurt entstehen zwei neue Hochhäuser – in unmittelbarer Nähe zur denkmalgeschützten Altstadt und orientiert am Bosco Verticale in Mailand. Wegen eines Gutachtens wird das Projekt allerdings nicht ganz in seiner ursprünglichen Form umgesetzt.

In Erfurt entstehen zwei neue Hochhäuser, orientiert am Bosco Verticale in Mailand
Von Matthias Klöppel , 15.04.2019

Leben in luftiger Höhe ist wieder angesagt. Nach Jahrzehnten, in denen Häuser mit mehr als sechs Stockwerken als soziale Brennpunkte galten, häufig entstanden am Rand urbaner Strukturen, üben Wohntürme auf einmal wieder eine besondere Faszination aus. Vielen gilt das Bauen in die Vertikale als Lösung für den Mangel an Wohnraum in deutschen Metropolen. Nicht umsonst könnten in den kommenden vier bis fünf Jahren bundesweit mindestens 30 neue Objekte in den Himmel wachsen. So lautet das Ergebnis einer aktuellen Studie von Catella Research über die „Renaissance der Wohntürme in Deutschland“.

Demnach sind allein 14 Projekte in Berlin geplant, etwa der ALEXANDER (Berlin‘s Capital Tower) oder das Duo Max und Moritz, weitere elf folgen in Frankfurt. Dort soll der Grand Tower mit 172 Metern neue Maßstäbe setzen. Die Wohnhochhäuser zeichnen sich laut den Analysten durch eine gemischte Nutzung und „Ausstrahlungseffekte“ auf die unmittelbare Umgebung aus, zielen zudem mit ihrer luxuriösen Ausstattung auf wohlhabende Bevölkerungsgruppen ab.

Doch es gibt auch Großstädte, die sich bewusst gegen die Wiederbelebung der Gebäuderiesen wehren. In München zum Beispiel sei keine Genehmigung für Bauwerke vorgesehen, die höher als 99 Meter sind, heißt es in der Studie. Der Grund: Die Frauenkirche solle als Wahrzeichen der Stadt ohne Konkurrenz stehen und die Skyline prägen. Und im beschaulichen Erfurt wird Wert darauf gelegt, dass neue Wohntürme ins Stadtbild passen. Die Wachsenburg Baugruppe weiß das aus eigener unangenehmer Erfahrung.

Rund 170 Wohneinheiten wollen die zur Firma gehörende Bau-Kult. GmbH und der Projektentwickler ImmVest Wolf GmbH bis 2020 in Thüringens Landeshauptstadt realisieren. Neben einer sechsgeschossigen Stadtvilla sehen die Baupläne zwei markante Wohntürme mit 45 und 53 Metern Höhe vor. Ein „architektonisches Highlight“, schwärmen die Investoren. Das Ensemble, gelegen am nördlichen Juri-Gagarin-Ring, trägt den Namen „Wir Quartier“ – in Anlehnung an den „WirGarten“, den die 8.500 Quadratmeter große Baufläche in den vergangenen drei Jahren beherbergte.

Bäume als Fassade

Was das Vorhaben aus der Fülle vergleichbarer Projekte heraushebt: Die beiden Hochhäuser werden bis in die letzte Etage über begrünte Fassaden verfügen. Ideengeber für den üppigen Pflanzenwuchs waren die berühmten und mehrfach prämierten Zwillingstürme Bosco Verticale im Mailänder Stadtteil Porta Nuova. Diese bilden die Heimstätte für 900, teils neun Meter hohe Bäume und mehr als 20.000 Sträucher. Der italienische Architekt des vertikalen Waldes, Stefano Boeri, betonte einst die Vorteile für das Mikroklima in den Wohnungen und auf den Balkonen. Die Pflanzen erzeugten Feuchtigkeit, absorbierten Kohlendioxid sowie Staubpartikel und setzten Sauerstoff frei, so der heute 62-Jährige, schützten zudem gegen Hitze, Kälte und Lärm.

Dieser ökologische Nutzen soll auch im Erfurter Hochhaus-Komplex zur Geltung kommen. Welche Pflanzen für dessen Außenhülle verwendet werden, wird mit Unternehmen abgestimmt, die sich auf Fassadenbegrünung spezialisiert haben. Dass dabei auch bautechnische Aspekte zu beachten sind, weiß Carola Busse, Geschäftsführerin der Wachsenburg Baugruppe und Initiatorin des Neubauvorhabens: „Die Pflanzen, Substrat und Konstruktion bringen viel Gewicht auf die umlaufenden Terrassen und an die Wände. Die Bewässerung, Pflege und Revisionierbarkeit müssen geplant sein.“

 

Das Wir-Gefühl im „Wir Quartier“ soll ein Miteinander der Generationen ermöglichen. Neben klassischen Wohnungen gehören barrierefreie Apartments, zwei Senioren- Wohngemeinschaften, Einheiten für temporäres Wohnen sowie eine Kita zum Konzept. Für die Architektur zeichnet das international tätige Erfurter Büro worschech architects verantwortlich. Weiterhin sind ein Waschsalon und eine Gaststätte angedacht. Jung und Alt begegnen sich dann in einem Schulgarten, in dem Senioren ihre gärtnerischen Fähigkeiten an die Kleinen weitergeben. Ein nicht geringer Teil des Grundstückes soll als öffentliche Grünanlage der Allgemeinheit zugänglich sein. Insgesamt entstehen Infrastrukturmaßnahmen in Höhe von rund 500.000 Euro.

Mit den beiden Wohnhochhäusern wird das Quartier die Erfurter Skyline nachhaltig prägen, hoffen die Bauherren. Allerdings in einer abgeschwächten Form. Denn der höhere der beiden Türme bekommt zwei Geschosse weniger als ursprünglich konzipiert.

Sorge um das Stadtbild

Das hängt mit einem vom Stadtentwicklungsamt beauftragten „Hochhausverträglichkeitsgutachten“ zusammen. Dieses hatte die Folgen hoher Neubauten auf das Stadtbild untersucht. Resultat: Der Bau trete aus verschiedenen Blickrichtungen in der Stadt deutlich sichtbar hervor. Dadurch werde die Wirkung der Stadtkrone im Zentrum beeinträchtigt, also vor allem die des Doms, des Petersberges und der Severikirche, hieß es.

Obwohl im Gutachten dennoch keine „substanzielle Störung der Gesamtsilhouette und des Stadtbildes“ festgestellt wurde, empfahlen die Verantwortlichen eine Absenkung des höheren Wohnturms von 18 auf 16 Etagen. Das Landesamt für Denkmalpflege und der Stadtrat schlossen sich der Auffassung an, Wachsenburg-Chefin Carola Busse fügte sich, vor allem, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren. Schließlich sollten auf der Fläche zwischen Juri-Gagarin-Ring, Wallstraße und Stauffenbergallee längst die Bagger rollen.

Losgehen soll es damit nun in diesem Frühjahr. Die Baugenehmigung liegt seit wenigen Monaten vor, die Stadtobersten haben dem „Wir Quartier“ damit endgültig grünes Licht erteilt. In zwei Bauabschnitten werden die Häuser bis 2022 fertiggestellt – und die Fassaden und Außenanlagen in sattem Grün leuchten.

 

Visualisierung: © Worschech Architects

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